Würstel e Crauti. Wie Tourismus Kunstwelten baut und Authentizität vortäuscht.

AgrodolceFrüher einmal gab es in Mailand einen sehr beliebten „panino“, nämlich den „tirolese“: ein Baguette mit Frankfurter Würstchen und Sauerkraut. Eine in Südtirol absolut unübliche Kombination, die aus der Verbindung zweier gastronomischer Klischees, nämlich Würstel und Crauti, entstanden war; eine Fiktion, die im Land selbst keinen Anklang fand und der sich die örtliche Gastronomie standhaft verweigerte.

Dennoch wurde dieser Panino am Bozner Weihnachtsmarkt offenbar immer wieder verlangt. Dann schließlich fand der „Panino Würstel e Crauti“ irgendwann Eingang ins Angebot des beliebten Mercatino. Die Mailänder Besucher des vorweihnachtlichen Waltherplatzes mögen sich nun zu recht in der Vorstellung bestätigt fühlen, dass diese Kombination „typisch Südtirol“ sei.

Diese kleine Beobachtung fasst sinnbildhaft zusammen, wie Angebot und Nachfrage nicht nur markt-, sondern auch meinungs-und mentalitätsbildend sind und wie sehr Tourismus auch die eigene und fremde Wahrnehmung verändert.

Auch die Beziehungen zu den TouristInnen verändern sich stetig:. In den 60er und 70er Jahren hießen sie noch „Fremden“. Zugleich gab es damals vertieften, oft engen Kontakt mit ihnen (manchmal auch allzu eng – wenn etwa die Kinderzimmer im Sommer zu Fremdenzimmern umfunktioniert wurden und die Gäste ihre Abende im Familienwohnzimmer verbrachten).

Heute ist der Fremde längst zum „Gast“ geworden. Die freundlichere Bezeichnung kaschiert jedoch, dass die Distanz in Wirklichkeit gewachsen ist. Oft genug wird dem Tourist, der Touristin eine Welt vorgesetzt, die mit dem echten Südtiroler Alltag wenig zu tun hat.

Die neuen Resorts, die in entlegensten Winkeln unseres Landes ebenso aus dem Boden schießen wie sie sich in den Ortskernen auftürmen– beides verändern sie unwiderruflich, oft mit unverhohlener Brutalität – sind in sich geschlossene Gebilde, die im umfassenden Urlaubspaket die Inszenierung „Südtirols“ mitliefern.

Der Gast wohnt nun im „Chalet“. Er nutzt nicht nur die Wellnessoasen und die Kaminlounge, sondern genießt auch den chaleteigenen „Bauerngarten“ und kauft im fingierten „Bauernmarkt“ oder „Hofladen“ des Hotels ein. Die Kinder von Gästen erleben Hase und Zicklein im „Streichelzoo“, einer Stallsimulation, garantiert geruchfrei und klinisch sauber. Diese konstruierte bäuerliche Welt hat auch nichts von der Unordnung und intensiven Arbeitsumgebung eines echten Bauernhofs. Es ist eine kontrollierte Ländlichkeit, mit der der Tourist delektiert wird. Die gleiche Illusion von Nähe wird zur Bergwelt hergestellt, wenn man im von der Architektur in Panorama-Lage platzierten „Infinity Pool“ quasi in die Berggipfel hineinschwimmt – allerdings, ohne sich Tücken und Gefahren der echten Berge aussetzen zu müssen.

So ist der Gast heute fremder denn je. Es könnte uns egal sein – wenn diese Entwicklung nicht auch eine Gefahr bergen würde. Nämlich dass wir uns am Ende, Schritt für Schritt, uns selbst und unserem Land entfremden werden. Die vorgetäuschte Authentizität bildet eine Falle, in die wir selbst hinein tappen und oft genug nicht mehr heraus finden.

Einleitung zu unserem wunderbaren Heft “Am Limit. Overtourism. Al Limite”:  Overtourism overtourism

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“Was ist Integration und wie viel verträgt Südtirol?”

Zivilcourage Magnani

… war die Frage eines Journalisten an diesem Julibeginn 2018, in dem Italien die Häfen schließt und Deutschland Flüchtende zurückweist. So habe ich geantwortet:

Integration (eingrenzend auf das Migrationsphänomen, denn man spricht ja auch im Hinblick auf Menschen mit Beeinträchtigung oder andere Gruppen mit spezifischen Lebenssituationen oder Bedürfnissen von Integration) würde ich definieren als wechselseitigen Prozess, in dem eine Gesellschaft MigrantInnen eingliedert bzw MigrantInnen aktiv für diese Eingliederung arbeiten.

Integration wird leider durch ideologische Verzerrungen politisiert, dabei ist ein pragmatischer Ansatz das einzig wirksame Mittel, um die entstehenden Probleme zu lösen und auch die Potenziale zu nutzen.

Die Diskussion darüber, ob und wie viel Integration geleistet werden soll, bremst den Integrationsprozess, in der fälschlichen Meinung, dass man Migration damit aufhalten könne. Es ist ein wenig wie die Bewegung für das Leben, die meint, wenn man nicht über Sex reden und aufklären würde, dann gäbe es keinen vorehelichen Geschlechtsverkehr.

Daher finde ich auch die Diskussion über das “Wie viel” ziemlich verfälschend, denn es geht um das “Wie”, darin sollten wir unsere Energien und Ressourcen investieren. Im Übrigen bewegen wir uns in Südtirol, was Menschen auf der Flucht betrifft, gerade einmal im 0,3%-Bereich.

Für eine Gesellschaft mit unserem BIP und unserem Wertehintergrund dürfte das leistbar sein.

Mir macht die Diskussion um die “Aufnahmefähigkeit” Angst. Schon einmal hat man in Europa genau darüber diskutiert – und am Ende stand dann der “Schutz des gesunden Volkskörpers”.

PS. Man hat mir geraten, im Wahlkampf zum Thema Migration und Flucht nicht Stellung zu nehmen. Clevere Kollegen machen dies auch so. ich habe beschlossen, dass ich diesem Rat nicht folgen werde. Es wäre das Schlimmste sich einmal sagen zu müssen, schau, damals, als es die Stimme zu erheben galt, hast du geschwiegen.

Die Talfer hinter der Mauer

carcere BZ

Ich war im Gefängnis. Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, mit meinen Fraktionskollegen und dem Anwalt Fabio Valcanover, der sich seit jahren für die Rechte von Gefängnisinsassen einsetzt, einen Lokalaugenschein in der Bozner Haftanstalt vorzunehmen. Es ist das Recht von Regionalratsabgeordneten, unangemeldet das Gefängnis aufzusuchen, um sich ein Bild zu machen.

Ich habe mir ein Bild gemacht. Viele Bilder.

Meine erste Assoziation: Es ist wirklich wie in einem Gefängnis. Aber nicht so, wie man das aus Filmen kennt, sondern eher so wie ich mir als Kind ein Gefängnis vorstellte. Also mit Gittern, die ein Wärter mit einem großen Schlüsselbund aufsperrt, mit Männern, die herumstehen, mit dunklen Gewölben, feuchten Mauern und mit hallenden Geräuschen.

Zweite Assoziation, als ich die Einzelzellen im Untergeschoss sehe: Es ist so ähnlich wie bei mir zu Hause der Heizraum: beengt, dunkel, abgefuckt. Unvorstellbar, dass jemand in so einem Raum Monate seines Lebens verbringen kann ohne durchzudrehen oder zu verschimmeln, wie meine Tochter sagen würde.

Die Direktorin Annarita Nuzzacci, eine resolute, schnelle, sympathische und sehr engagierte Frau, erklärt uns Abläufe und Organisation des Gefängnisses. 101 Insassen derzeit (damit ist man leicht unter der Kapazität von max. 105), alles Männer (die Frauen sitzen in Trient ein, sie machen insgesamt weltweit ca. 5% der Gefängnispopulation aus), viele sehr jung, 85% aus Nicht-EU-Ländern. Im Bozner Gefängnis sind Täter untergebracht, die Haftstrafen bis zu 5 Jahren absitzen müssen. Ein großes Manko ist das Fehlen von so genannten „Camere di sicurezza“ in allen Polizeistationen Südtirols, erklärt uns Nuzzacci. Dort, so ist es vom Gesetz vorgesehen, müssten all jene verweilen (bis zu 4 Tagen), die noch nicht laut einem richterlichen Beschluss im Gefängnis festgehalten werden. Weil diese Stätten fehlen, landet man in Südtirol direkt im Bozner Gefängnis. Die Direktorin spricht von ihrem Einsatz für Geldmittel, für mehr Personal. Es ist schwierig. Man wartet auf den neuen Bau in Bozen Süd, derweil vergammelt das alte Gefängnis mehr und mehr. Der Personalmangel ist besonders schwer wiegend, weil es insbesondere das pädagogische und begleitende Personal betrifft, allerdings fehlt es auch an Aufsichtspersonal.

Die Stimmung im Haus ist nicht unharmonisch. Aus dem chronischen Notstand hat man eine Tugend gemacht und es ist Solidarität unter den Menschen im Gefängnis spürbar.

„Il carcere si riconosce dal cortile“, sagt Nuzzacci, als sie uns in den Gefängnishof führt. Ein langer Asphaltstreifen mit einigen Steinbänken und einem Tischtennistisch. Vier Männer spielen gerade ein Doppel. Die Mauer ist gleich hoch wie der Streifen breit ist. Das einzig Schöne am Gefängnisbesuch ist das Rauschen der Talfer, das man hier deutlich vernimmt. Vier Stunden am Tag dürfen die Häftlinge im Hof verbringen.

Um 18 Uhr werden die Türen der Zellen geschlossen. Die Häftlinge sind dann hinter einer Gittertür eingesperrt. Die dicken Stahltüren mit Fensterguckloch bleiben in Bozen offen. In der lauen Frühsommerluft stelle ich die naive Frage: „Anche d’estate sono rinchiusi in cella alle 18?“ Frau Nuzzacci schaut mich entnervt an. „Che crede? Che d’estate possano stare fuori??“ Der Freigeist in mir, das Naturkind erstickt fast an dieser – logischen – Antwort. Ich stelle mir vor, wie lang die Abende sein müssen, wie stickig die Luft, wie zähflüssig die Zeit. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die Zellen noch gar nicht gesehen.

Die allermeisten Häftlinge sind in 6er-Zellen untergebracht. Bei Tag sind die Gittertüren offen, wir können eintreten. Es ist Ramadan, folglich fordert uns Frau Nuzzacci auf, einen kleinen Sprung über den kleinen Teppich zu machen, der im Eingang der Zelle liegt. Auf engstem Raum leben sie hier. 3 Stockbetten, 1 kleiner Tisch, 3 Stühle, eine halbhohe Abtrennung und dahinter WC und Waschbecken – eine Ecke, in der auch gekocht wird. 3 der Männer liegen zusammengekauert auf ihren Betten. Es ist 11 Uhr vormittags, aber es gibt nichts zu tun. Es ist der Augenblick, in dem ich erahne, was es bedeutet, hier drin zu landen. Ich dachte immer, wenn man eingesperrt ist, dann wird einem der Raum genommen. Aber hier merke ich, es ist die Zeit. Das Gefängnis ist ein Ort ohne Zeit. Denn eine Zeit ohne Sinn ist keine Zeit.

Es geht um die Zeit, sie wird einem genommen, im Gefängnis. Nicht umsonst wird das Strafmaß in Zeiteinheiten angegeben. Die Verzweiflung und die Leere, ich sehe sie in den Gesichtern der Männern, die auf ihrem Bett liegen und warten, dass der Tag vorbei geht. Die Emotion überkommt mich. Für mich als dauernd Überbeschäftigte ist dies die schlimmste Vorstellung überhaupt.

Es gibt natürlich Angebote. 2 der Männer arbeiten außerhalb des Gefängnisses, einige Arbeiten werden im Haus rotierend vergeben. Die begehrteste Arbeit ist jene in der Gefängnisküche. Die Direktorin sagt, die Küchenkräfte seien jene mit der geringsten Rezidivrate. Wer etwas lernt, hat am ehesten Chancen, draußen. Deshalb besuchen auch viele die Sprachkurse, oder sie holen die Mittelschulprüfung nach. Es gibt Alphabetisierungskurse und auch künstlerische Projekte.

Der Anteil der Drogenabhängigen und der Alkoholiker ist groß, über 60%. Viele Insassen haben keine gültige Aufenthaltsgenehmigung – auch das ist nicht ohne Ironie. In der ganzen Migrationsdebatte wird dieser Aspekt meist außen vor gelassen. Wer illegal ist, darf nicht arbeiten. Was bleibt ist der Weg in Kriminalität, Prostitution, Drogenhandel.

Das Gefängnis ist einer der Terminals des nicht gelösten Migrationsproblems, gut versteckt hinter dicken Mauern.

Frau Nuzzacci begleitet uns zum Ausgang, vorbei an den Räumen, in denen die Aufnahme stattfindet, am trostlosen und doch wieder netten Besuchszimmer, in dem die Kinder und Frauen der Häftlinge über eine Seitentür herein kommen, wenn sie ihre Familienangehörigen besuchen. Ich stelle mir vor, wie diese Begegnungen ablaufen.

Hinter uns schließen sich die Türen des Gefängnisses. Ich habe viel verstanden an diesem Vormittag. Etwa, dass es praktisch unmöglich ist, aus einer solchen Anstalt „gesünder“ heraus zu kommen als man nach einer Straftat hinein gegangen ist. Wer ins Gefängnis kommt, lässt einen Teil seines Lebens dort.

Der Weg zurück ins normale Leben, er führt durch Gitterstäbe und Stahltüren. Über die Mauer. Dort ist die Talfer, die fließt und nicht nur rauscht.

Wer pflegt – Nachlese zur EOS-Tagung am 24.05.2018 („Ist die Pflege weiblich?“)

BrieftascheFrauen putzen, Männer manchmal auch. (33 % der Südtiroler Männer macht keine Hausarbeit, 45% macht sie selten)

Frauen erziehen, Männer manchmal auch. (8 von 10 Arbeiten, die mit der Kinderbetreuung zu tun haben, werden in Südtirol von den Müttern erledigt)

Frauen pflegen, Männer manchmal auch. (84,2% der Pflegenden zu Hause sind in Südtirol Frauen)

Ein Thema, das uns immer öfter beschäftigen wird. Denn der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag, der die genannte „Arbeitsteilung“ festlegt, kommt zunehmend ins Wanken.

Weil Männer zunehmend Interesse daran haben, Zeit für ihre Kinder zu haben und dies als Gewinn für die eigene Lebensgestaltung sehen.
Weil Frauen zunehmend ihre Rechte einfordern.
Weil Männer und Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen, und somit neue Wege echter Arbeitsteilung gefunden werden müssen.

Wo sich die gesellschaftlichen Innovationen noch sehr zurückhalten, ist allerdings der Bereich der Pflege. Pflege, vor allem der älteren Familienmitglieder, ist fest in Frauenhand. Nur selten selbst gewählt, sondern wie selbstverständlich aufgebürdet, lastet die Pflege und Betreuung auf Frauen, oft in mittleren Jahren. Frauen, die vielleicht gerade erst ins Erwerbsleben zurückgekehrt sind und die sich ihre erst schon mageren Rentenaussichten durch lange Pflegezeiten weiter verbauen. Oder aber sie leisten die Pflegeschichten neben ihrer Erwerbs- und Familienarbeit – burnout- und erschöpfungsgefährdet wie kaum andere gesellschaftliche Gruppen.

Es wird sich etwas ändern müssen. Denn die Belastungen ungleich verteilen heißt auf lange Sicht Gleichgewichtsverlust und Notwendigkeit von Schadensbegrenzungen. Von manchmal tragischer Komik ist es, dass die Pflegearbeit der Frauen auch noch wenig geschätzt wird. Das Klischee, demnach die Gelegenheitsbesuche der Söhne einen höheren Stellenwert darstellen als die Daueraufopferung der Töchter, hat wohl einen Kern der Wahrheit.

Ein Erlebnis kann ich hierzu beisteuern. Als meine Mutter schon schwer demenzkrank war, musste sie wegen einer Operation ins Krankenhaus. Nach der Narkose war sie ungeheuer aufgekratzt und es war unmöglich, sie am Abend zum Einschlafen zu bringen. Wir Töchter wurden vom Krankenhaus angerufen und darum gebeten, sie in der Nacht zu betreuen, da das Personal dazu nicht imstande war. Ich habe die ganze Nacht mit ihr im Gitterbett verbracht, um sie am Ausbüchsen zu hindern. Immer wieder wollte sie die Gitterbarriere überwinden und ich musste sie mit aller Kraft festhalten. Körperlich und nervlich völlig am Ende verließ ich am Morgen das Krankenhaus, um zur Arbeit zu gehen. Mein älterer Bruder kam und löste mich ab. Später erzählte er mir, dass er die Mama gefragt habe, wie es ihr ging. Gut, meinte sie, sie würde nun gern nach Hause gehen. Sie habe eine gute Nacht verbracht. Er fragte sie, ob jemand bei ihr gewesen sei. „Ja“, antwortete sie freudig, „dein Bruder ist netterweise die ganze Nacht bei mir geblieben!“

So viel zum Wert der pflegenden Töchter. Ja, es wird sich etwas ändern müssen. Vielleicht können wir damit beginnen, die Pflegezeiten anzuerkennen, monetär und mit besseren Absicherungen für die pflegenden Familienmitglieder. Aber es geht auch um öffentliche Anerkennung einer immensen Leistung, die allzu oft im Verborgenen und Verdrängten erfolgt.

Dabei können wir genau an diesen Bereichen etwas Wesentliches ablesen – nämlich welcher Wert in einer Gemeinschaft der Würde und der Menschlichkeit beigemessen wird.

Für Zweifelsfreiheit

zweifelIch mache mir Sorgen um unsere Gesellschaft.

Schon seit Monaten hege ich die Befürchtung, dass wir in Europa einer totalitären Epoche entgegen gehen. Ich komme von den Debatten in den Dörfern Südtirols zurück und in mir klingen die faschistoiden Aussagen und Denkmuster nach, die ich dort aufgefangen habe.

1.650 AsylbewerberInnen leben derzeit in unserem Land. Ob das viel oder wenig, ob das schaffbar ist, darüber wird auf allen Ebenen diskutiert. Das ist bemerkenswert in einem Land, das 30 Millionen Nächtigungen aushält und sich andererseits wegen 1.650 Personen bekümmert, die vor Krieg, Verfolgung, Hunger (ja, Hunger! Kein Asylgrund, aber sehr wohl ein Fluchtgrund, aber sogar das muss man sich in Diskussionen erst erstreiten) flüchten.

Wir können uns das so vorstellen, als ob wir zu 500 im Waltherhaus sitzen würden und es kämen 2 dazu. Haben sie tatsächlich nicht Platz? Machen sie uns unseren streitig? Was verändern diese 2 Menschen? Können sie auf den Glauben, die Traditionen, die Werte der anderen 500 einwirken, ja ihnen diese nehmen? Würden die anderen 500 im Waltherhaus die 2 neuen überhaupt bemerken, wenn sie nicht eine andere Hautfarbe hätten?

Es verschieben sich derzeit die normativen Maßstäbe, nach denen wir zu denken gewohnt sind. Meist verschieben sie sich unbewusst. Harald Welzer nennt das „Shifting baselines“.

Als ich klein war, kamen die ersten Bilder von hungernden Kindern aus Afrika nach Europa. Es gab Hungersnöte, Dürre und Krieg, Kinder starben. Damals gab es ein kollektives Entsetzen, erste Wahrnehmungen, dass das nicht richtig ist.

Wer sich heute rühren lässt, von hungernden Menschen, die jetzt nicht mehr in der Zeitung zu sehen sind, sondern am Bozner Bahnhof, der wird nunmehr als Gutmensch geschimpft. Ich wurde letzthin lauthals ausgelacht in einer Diskussion, als ich vorschlug, diesen Menschen Toiletten zur Verfügung zu stellen. In einem Südtiroler Dorf, das 6 geflohene Menschen wird aufnehmen müssen.

Es verschieben sich die Baselines, die normativen Maßstäbe. Oft in kürzester Zeit.

Golda Meir_Welzer

(Harald Welzer, Wir sind die Mehrheit, Fischer Verlag, April 2017)

Innerhalb von 8 Jahren hatte sich damals der Wandel Deutschlands vollzogen, von einem weltoffenen Land zu jenem, das mitten in Berlin die Deportationszüge starten ließ.

Sie sagen jetzt wahrscheinlich, der Vergleich mit den 30er Jahren sei heillos übertrieben. Das dachte ich auch lange Zeit. Aber es gibt leider viele Parallelen. Im Deutschland der beginnenden NS-Zeit begann es schleichend. Mit der Konstruktion des Sündenbocks. Mit feinen Unterscheidungen zwischen „anständigen“ Juden und anderen. Mit kleinen Maßnahmen, mit sprachlichen Neudefinitionen. Mit Argumenten wie der Gefährdung des „Volkskörpers“ durch „zuviele“ Juden. Mit Worten wie „Duldung“, „Abschiebung“, „Überfremdung“ oder „Überforderung der Sozialsysteme“. Kommen euch diese Begriffe bekannt vor?

Es ist leicht, sich verschieben zu lassen, in dieser Thematik, es passiert sogar den Gutmenschen, dass sie beginnen, zu unterscheiden, ob es eine „Berechtigung“ für die Aufnahme gibt. Krieg ja, Hunger nein. Dass sie vom Schutz der Außengrenzen Europas zu reden beginnen. Ja, es verschieben sich die Maßstäbe, auch in uns. Zweifel entstehen zu sicheren Gewissheiten, sogar zu Grundwerten, wenn man etwas immer wieder hört oder sieht. In einer Werbung letzthin auf salto war ein eklatanter Rechtschreibfehler zu sehen. Magazien mit ie. Ich habe schmunzeln müssen. Nachdem ich es aber oft las, da die Schrift immer wieder verschwand und wiederkehrte, kamen mir Zweifel. Ich habe am Ende Magazien gegoogelt. Ein banales Beispiel für eine solche Maßstabsverschiebung. Wenn mans immer wieder hört, kommt es einem irgendwann richtig vor, auch wenns ursprünglich als falsch erkannt wurde, oder man beginnt zumindest zu zweifeln.

Ich fordere deshalb eine entschiedene Rückkehr zur humanitären Zweifelsfreiheit.

Die Diskussion und die Abstimmung zum Ius Soli letzthin im Regionalrat war erschreckend. Die Mehrheit der Abgeordneten hat die Aussage getroffen, dass es Unterschiede zu geben hat, zwischen Neugeborenen. Dabei steht im Artikel 1 der Menschenrechte der theoretisch verteidigte Satz „Alle Menschen sind frei und gleich an Rechten geboren“. Das gilt in der Praxis nicht, wenn ein Kind in Italien von einer Mutter geboren wird, die nicht italienische Staatsbürgerin ist.

In einer entsetzlichen kognitiven Dissonanz wird in unserem Land die Martinsprozession verteidigt, indem man zugleich die Hungernden aus dem Land haben will.

Finstere Zeiten. Zivilcourage ist hier gefragt. Und das Erkennen und Benennen der Zeichen. Seien wir also zumindest ehrlich. Sagen wir, dass es uns bei der „Sicherung der Außengrenzen Europas“ darum geht, Geflüchtete hinter die Grenzen Europas zurück drängen. Dass die „Rückführung von Nicht-Asylberechtigten“ bedeutet, die Hungerflüchtlinge zurück in die Armut schicken. Dass die „Bekämpfung des Schlepperwesens“ übersetzt nichts anderes heißt, als dass die Menschen in Afrika verharren müssen. Dass der gefeierte „Rückgang der Migrationsströme“ verschweigt, dass man horrende Lagersituationen in Libyen oder der Türkei akzeptiert.

Dass also die meisten Regierenden in Europa – und Europa selbst – in dieser Frage eine pseudohumanitäre, elegante, mit Pragmatismus kaschierte Feigheit kennzeichnet. Und dass es uns allen ein Leichtes ist, wegzuschauen, von Kontingenten zu reden, von den Grenzen der sozialen Aufnahmefähigkeit, von Unterschieden letztlich. Oder gar zu schweigen.

Meine Rede ist ein Appell dagegen.

Unsere Generation wird eines Tages nicht nur die ätzenden Worte und bösen Taten der schlechten Menschen zu bereuen haben, sondern auch das furchtbare Schweigen der guten.” (Martin Luther King)

Brigitte Foppa

Auszug aus der Rede zum Landeshaushalt 2018 (leicht geändert).

Sauna & Sexismus

Foto Bri Sauna

In dieser Woche haben wir im Südtiroler Landtag über die Verlängerung der Öffnungszeiten in der Damensauna debattiert. Ich hatte einen entsprechenden Antrag (auf den Wunsch von Bürgerinnen hin) eingebracht. Die Diskussion war grenzwertig – es ging um Frauen, um Körperlichkeit, um Nacktheit. Man unterstellte, dass ich Männer als Gaffer generalisieren wolle, man vermutete, dass Frauen sich grundsätzlich beglotzt fühlen, es hieß, dass man in der Sauna das Beschaue in Kauf nehmen müsse, und überhaupt, Frauen schauen ja auch etc. etc.

Mitten in der allgemeinen Sexismusdebatte in Europa hat Südtirol, unbewusst und unterschwellig, einen kleinen Sexismushype gelebt.

Denn das Thema landete auf diversen Titelseiten, stets versehen mit nackten oder halbnackten Frauen. Es fehlten nicht Fotomontagen von Landtagsabgeordneten in der Sauna. Die Kommentare und die Bemerkungen im Netz und aber auch in Bars und auf der Straße waren vernichtend.

Sie zeigten auf zweierlei Ebenen auf, wie tief die Verachtung gegenüber Frauen und Frauenthemen greift. Da lesen wir einmal die üblichen Bosheiten gegenüber Frauen, auch gegenüber der Einbringerin des Antrages: „Mit der will ja eh niemand in die Sauna“, „Die schaut ja eh niemand an“, „Foppa braucht keine Angst zu haben: hässliche Frauen werden in Ruhe gelassen“… etc.

Auf einer tieferen Ebene findet die Abwertung des Themas statt. Der Südtiroler Landtag, der sich in der Vergangenheit schon mit Themen befasst hat wie die Ablehnung der Sommerzeit für Südtirol oder neutrale T-Shirts für Südtiroler Sportler, ohne dass es größere Proteste gegeben hätte, wird als Institution ins Lächerliche gezogen, weil er über die Abendöffnung der Sauna für Frauen diskutiert hat. Und die Grünen, die haben wohl auch keine anderen Themen mehr, hieß es gleich mit (auch wenn wir in der selben Session Anträge über Transparenz der Landesregierung, Landebahn des Flughafens und Nachvollziehbarkeit der Fleischherkunft brachten und die Debatten über Europa- und Gemeindengesetz maßgeblich mitbestimmten).

Die allgemeine Empörung, so mag man vordergründig meinen, hat mit Frauen nichts zu tun. Man ärgerte sich über die „Überflüssigkeit“ des Themas. Das wird zwar schon von der mangelnden Entrüstung über andere Anträge wie die oben genannten widerlegt, aber wir können auch an einem Vergleich den Test machen:

Wie hätte die Südtiroler Öffentlichkeit reagiert, wenn der Vorschlag gewesen wäre, etwa die Turnhallen abends für Rugbytraining offen zu halten?

Ich nehme an, man hätte gesagt, naja, eben ein Nischenthema. Aber Sport ist ja wichtig und da braucht es entsprechende Räume.

Genau darum ging es in der Damensauna. Um Räume für Frauen, von denen einige, gerade wenn sie nackt sind, auch einmal gerne unter sich sind – und darum, diese Räume in den Abendstunden offen zu halten, da Frauen heutzutage tagsüber gleich wie Männer in der Arbeit sind.

Mein Kollege Hans Heiss sprach von einem Lehrstück, wie ein vernünftiges Thema sexistisch verbraten werden kann. Genauso ist es.

Allerdings fürchte ich, dass am Ende wieder wir Frauen die Lehren ziehen werden. Nämlich, dass es besser ist still zu sein und die Körperlichkeit und das Sprechen darüber in den privaten Raum zurück zu verbannen.

#Me Too

grinsendetasseIch denke an die Gesichter.

An die Gesichter der Buben im Schulhof, als sie uns über die gängige Sexualterminologie aufklärten.

An das Gesicht des alten Herren, der in der Bar so lange gewartet hat, bis ich, damals ca. 12 Jahre alt, allein war und er versuchte mich zu küssen (mit Zunge).

An die Gesichter der Gäste, die schunkelnd Mösenlieder sangen, während wir das Essen servierten.

An die Gesichter in der Hütte, als die Schnaderhüpflen zu den nacketen Weibern gesungen wurden.

An das Gesicht des jungen Betrunkenen, den ich des Lokals verwies und er mich daran erinnerte, welches Geschlechtsteil ich habe.

An das Gesicht des Typen vor dem Mädchenheim, als er den Mantel aufmachte.

An den Chef, der uns zum Service rief („Hennen!“) und fragte, wer denn heute der Chefin „das Würstl bringen“ wolle.

An den Kollegen im Gemeinderat, als er den Witz vom Rasenmäher erzählte („Weißt du den Unterschied zwischen einer Frau im Minirock und einem Rasenmäher? Nein? Dann halt mal die Hand drunter!“)

An die Gesichter der Kollegen im Gemeinderat, die uns Rätinnen wahlweise als Jungfrauen (naiv) oder als Flittchen (unbeständig) bezeichneten.

An den Kollegen im Landtag, der sagte, heute habe die Opposition (da war nur ich) keine Eier in der Hose.

An die Kollegen im Regionalrat, wenn sie die anwesenden weiblichen Abgeordneten kommentieren.

An die Gesichter all jener, die mir und anderen Frauen schon das ganze Leben lang was nachschreien, dass wir schöne oder hässliche Beine, Pos oder Brüste haben.

An die Gesichter der Männer, die uns ihre Vermutungen darüber aussprechen, ob wir gut sind oder schlecht oder heiß oder frigide.

Ich sehe in diesen Gesichtern viele Unterschiedlichkeiten. Alle aber zeigen eines auf, nämlich garantierte Bewusstheit dessen, was sie gerade tun. Sie schmunzeln, grinsen, feixen, schauen gespannt auf die Reaktionen. Alle wissen, dass sie mich oder meine Geschlechtsgenossinnen irritieren, verstören, verletzen, beleidigen.

Die Hauptreaktion auf die Sexismusdebatte leugnet dies. Aussagen wie „Man wird jetzt keiner Frau mehr die Tür aufhalten dürfen“ verbinden die stets unfaire Paradoxisierung als Argumentationstaktik, mit dem Versuch, Männer von ihrer Verantwortung zu entbinden.

Dabei werden Männer regelrecht infantilisiert. Ihnen wird die banalste soziale Kommunikationskompetenz abgesprochen, nämlich zu verstehen, was die eigenen Aussagen beim Gegenüber bewirken. Das ist schlichtweg absurd. Schon die kleinen Buben im Kindergarten erkennen, wann sie Mädchen verletzen. Jeder Mann kennt den Unterschied zwischen Aussagen wie „Du bist eine geile Henne“ und „Du hast eine interessante Ausstrahlung“. Hierfür braucht es kein feministisches Sittengericht, Männer haben diese Unterscheidungskompetenz genauso intus wie Frauen. Die Bundeszentrale für politische Bildung zitiert eine Studie, die belegt, dass sich Männer und Frauen weitestgehend darüber einig sind, was in einer Interaktion als sexistisch, beleidigend oder entwürdigend empfunden wird. Ich glaube das auch. Alle Gesichter der Männer, die ich vorhin Revue passieren ließ, drücken dieses Bewusstsein darüber aus.

Dieser Aspekt ist von größter Bedeutung. Denn es heißt, dass Männer sich trotz dieses Bewusstseins für Sexismus entscheiden. Die Gründe und Zielsetzungen dieser Entscheidung sollten in der laufenden Debatte einen sehr viel wichtigeren Anteil haben als die hilflose Flucht in Bagatellisierung, paradoxe Verzerrung und Opferumkehrung, die wir derzeit erleben.

Sexistische Äußerungen sind Gesten einer gestörten Interaktion zwischen den Geschlechtern. Die Auseinandersetzung darüber, wie wir hier als Gesellschaft und als Männer und Frauen verändernd, verbessernd, ja vielleicht gar heilend einwirken können, verlangt uns viel ab. Es wird auch wehtun – und Zeit brauchen. Die #Me too-Kampagne katalysiert, beschleunigt, fordert heraus.

Dafür werden meine Tochter oder wenigstens meine soeben geborene Großnichte vielleicht irgendwann in andere Gesichter schauen als ich, und hoffentlich auch anders gesehen werden. Auf Augenhöhe und mit Respekt im Blick.

http://m.bpb.de/apuz/178670/die-sexismus-debatte-im-spiegel-wissenschaftlicher-erkenntnisse?p=all