Die Talfer hinter der Mauer

carcere BZ

Ich war im Gefängnis. Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, mit meinen Fraktionskollegen und dem Anwalt Fabio Valcanover, der sich seit jahren für die Rechte von Gefängnisinsassen einsetzt, einen Lokalaugenschein in der Bozner Haftanstalt vorzunehmen. Es ist das Recht von Regionalratsabgeordneten, unangemeldet das Gefängnis aufzusuchen, um sich ein Bild zu machen.

Ich habe mir ein Bild gemacht. Viele Bilder.

Meine erste Assoziation: Es ist wirklich wie in einem Gefängnis. Aber nicht so, wie man das aus Filmen kennt, sondern eher so wie ich mir als Kind ein Gefängnis vorstellte. Also mit Gittern, die ein Wärter mit einem großen Schlüsselbund aufsperrt, mit Männern, die herumstehen, mit dunklen Gewölben, feuchten Mauern und mit hallenden Geräuschen.

Zweite Assoziation, als ich die Einzelzellen im Untergeschoss sehe: Es ist so ähnlich wie bei mir zu Hause der Heizraum: beengt, dunkel, abgefuckt. Unvorstellbar, dass jemand in so einem Raum Monate seines Lebens verbringen kann ohne durchzudrehen oder zu verschimmeln, wie meine Tochter sagen würde.

Die Direktorin Annarita Nuzzacci, eine resolute, schnelle, sympathische und sehr engagierte Frau, erklärt uns Abläufe und Organisation des Gefängnisses. 101 Insassen derzeit (damit ist man leicht unter der Kapazität von max. 105), alles Männer (die Frauen sitzen in Trient ein, sie machen insgesamt weltweit ca. 5% der Gefängnispopulation aus), viele sehr jung, 85% aus Nicht-EU-Ländern. Im Bozner Gefängnis sind Täter untergebracht, die Haftstrafen bis zu 5 Jahren absitzen müssen. Ein großes Manko ist das Fehlen von so genannten „Camere di sicurezza“ in allen Polizeistationen Südtirols, erklärt uns Nuzzacci. Dort, so ist es vom Gesetz vorgesehen, müssten all jene verweilen (bis zu 4 Tagen), die noch nicht laut einem richterlichen Beschluss im Gefängnis festgehalten werden. Weil diese Stätten fehlen, landet man in Südtirol direkt im Bozner Gefängnis. Die Direktorin spricht von ihrem Einsatz für Geldmittel, für mehr Personal. Es ist schwierig. Man wartet auf den neuen Bau in Bozen Süd, derweil vergammelt das alte Gefängnis mehr und mehr. Der Personalmangel ist besonders schwer wiegend, weil es insbesondere das pädagogische und begleitende Personal betrifft, allerdings fehlt es auch an Aufsichtspersonal.

Die Stimmung im Haus ist nicht unharmonisch. Aus dem chronischen Notstand hat man eine Tugend gemacht und es ist Solidarität unter den Menschen im Gefängnis spürbar.

„Il carcere si riconosce dal cortile“, sagt Nuzzacci, als sie uns in den Gefängnishof führt. Ein langer Asphaltstreifen mit einigen Steinbänken und einem Tischtennistisch. Vier Männer spielen gerade ein Doppel. Die Mauer ist gleich hoch wie der Streifen breit ist. Das einzig Schöne am Gefängnisbesuch ist das Rauschen der Talfer, das man hier deutlich vernimmt. Vier Stunden am Tag dürfen die Häftlinge im Hof verbringen.

Um 18 Uhr werden die Türen der Zellen geschlossen. Die Häftlinge sind dann hinter einer Gittertür eingesperrt. Die dicken Stahltüren mit Fensterguckloch bleiben in Bozen offen. In der lauen Frühsommerluft stelle ich die naive Frage: „Anche d’estate sono rinchiusi in cella alle 18?“ Frau Nuzzacci schaut mich entnervt an. „Che crede? Che d’estate possano stare fuori??“ Der Freigeist in mir, das Naturkind erstickt fast an dieser – logischen – Antwort. Ich stelle mir vor, wie lang die Abende sein müssen, wie stickig die Luft, wie zähflüssig die Zeit. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die Zellen noch gar nicht gesehen.

Die allermeisten Häftlinge sind in 6er-Zellen untergebracht. Bei Tag sind die Gittertüren offen, wir können eintreten. Es ist Ramadan, folglich fordert uns Frau Nuzzacci auf, einen kleinen Sprung über den kleinen Teppich zu machen, der im Eingang der Zelle liegt. Auf engstem Raum leben sie hier. 3 Stockbetten, 1 kleiner Tisch, 3 Stühle, eine halbhohe Abtrennung und dahinter WC und Waschbecken – eine Ecke, in der auch gekocht wird. 3 der Männer liegen zusammengekauert auf ihren Betten. Es ist 11 Uhr vormittags, aber es gibt nichts zu tun. Es ist der Augenblick, in dem ich erahne, was es bedeutet, hier drin zu landen. Ich dachte immer, wenn man eingesperrt ist, dann wird einem der Raum genommen. Aber hier merke ich, es ist die Zeit. Das Gefängnis ist ein Ort ohne Zeit. Denn eine Zeit ohne Sinn ist keine Zeit.

Es geht um die Zeit, sie wird einem genommen, im Gefängnis. Nicht umsonst wird das Strafmaß in Zeiteinheiten angegeben. Die Verzweiflung und die Leere, ich sehe sie in den Gesichtern der Männern, die auf ihrem Bett liegen und warten, dass der Tag vorbei geht. Die Emotion überkommt mich. Für mich als dauernd Überbeschäftigte ist dies die schlimmste Vorstellung überhaupt.

Es gibt natürlich Angebote. 2 der Männer arbeiten außerhalb des Gefängnisses, einige Arbeiten werden im Haus rotierend vergeben. Die begehrteste Arbeit ist jene in der Gefängnisküche. Die Direktorin sagt, die Küchenkräfte seien jene mit der geringsten Rezidivrate. Wer etwas lernt, hat am ehesten Chancen, draußen. Deshalb besuchen auch viele die Sprachkurse, oder sie holen die Mittelschulprüfung nach. Es gibt Alphabetisierungskurse und auch künstlerische Projekte.

Der Anteil der Drogenabhängigen und der Alkoholiker ist groß, über 60%. Viele Insassen haben keine gültige Aufenthaltsgenehmigung – auch das ist nicht ohne Ironie. In der ganzen Migrationsdebatte wird dieser Aspekt meist außen vor gelassen. Wer illegal ist, darf nicht arbeiten. Was bleibt ist der Weg in Kriminalität, Prostitution, Drogenhandel.

Das Gefängnis ist einer der Terminals des nicht gelösten Migrationsproblems, gut versteckt hinter dicken Mauern.

Frau Nuzzacci begleitet uns zum Ausgang, vorbei an den Räumen, in denen die Aufnahme stattfindet, am trostlosen und doch wieder netten Besuchszimmer, in dem die Kinder und Frauen der Häftlinge über eine Seitentür herein kommen, wenn sie ihre Familienangehörigen besuchen. Ich stelle mir vor, wie diese Begegnungen ablaufen.

Hinter uns schließen sich die Türen des Gefängnisses. Ich habe viel verstanden an diesem Vormittag. Etwa, dass es praktisch unmöglich ist, aus einer solchen Anstalt „gesünder“ heraus zu kommen als man nach einer Straftat hinein gegangen ist. Wer ins Gefängnis kommt, lässt einen Teil seines Lebens dort.

Der Weg zurück ins normale Leben, er führt durch Gitterstäbe und Stahltüren. Über die Mauer. Dort ist die Talfer, die fließt und nicht nur rauscht.

Annunci

Wer pflegt – Nachlese zur EOS-Tagung am 24.05.2018 („Ist die Pflege weiblich?“)

BrieftascheFrauen putzen, Männer manchmal auch. (33 % der Südtiroler Männer macht keine Hausarbeit, 45% macht sie selten)

Frauen erziehen, Männer manchmal auch. (8 von 10 Arbeiten, die mit der Kinderbetreuung zu tun haben, werden in Südtirol von den Müttern erledigt)

Frauen pflegen, Männer manchmal auch. (84,2% der Pflegenden zu Hause sind in Südtirol Frauen)

Ein Thema, das uns immer öfter beschäftigen wird. Denn der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag, der die genannte „Arbeitsteilung“ festlegt, kommt zunehmend ins Wanken.

Weil Männer zunehmend Interesse daran haben, Zeit für ihre Kinder zu haben und dies als Gewinn für die eigene Lebensgestaltung sehen.
Weil Frauen zunehmend ihre Rechte einfordern.
Weil Männer und Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen, und somit neue Wege echter Arbeitsteilung gefunden werden müssen.

Wo sich die gesellschaftlichen Innovationen noch sehr zurückhalten, ist allerdings der Bereich der Pflege. Pflege, vor allem der älteren Familienmitglieder, ist fest in Frauenhand. Nur selten selbst gewählt, sondern wie selbstverständlich aufgebürdet, lastet die Pflege und Betreuung auf Frauen, oft in mittleren Jahren. Frauen, die vielleicht gerade erst ins Erwerbsleben zurückgekehrt sind und die sich ihre erst schon mageren Rentenaussichten durch lange Pflegezeiten weiter verbauen. Oder aber sie leisten die Pflegeschichten neben ihrer Erwerbs- und Familienarbeit – burnout- und erschöpfungsgefährdet wie kaum andere gesellschaftliche Gruppen.

Es wird sich etwas ändern müssen. Denn die Belastungen ungleich verteilen heißt auf lange Sicht Gleichgewichtsverlust und Notwendigkeit von Schadensbegrenzungen. Von manchmal tragischer Komik ist es, dass die Pflegearbeit der Frauen auch noch wenig geschätzt wird. Das Klischee, demnach die Gelegenheitsbesuche der Söhne einen höheren Stellenwert darstellen als die Daueraufopferung der Töchter, hat wohl einen Kern der Wahrheit.

Ein Erlebnis kann ich hierzu beisteuern. Als meine Mutter schon schwer demenzkrank war, musste sie wegen einer Operation ins Krankenhaus. Nach der Narkose war sie ungeheuer aufgekratzt und es war unmöglich, sie am Abend zum Einschlafen zu bringen. Wir Töchter wurden vom Krankenhaus angerufen und darum gebeten, sie in der Nacht zu betreuen, da das Personal dazu nicht imstande war. Ich habe die ganze Nacht mit ihr im Gitterbett verbracht, um sie am Ausbüchsen zu hindern. Immer wieder wollte sie die Gitterbarriere überwinden und ich musste sie mit aller Kraft festhalten. Körperlich und nervlich völlig am Ende verließ ich am Morgen das Krankenhaus, um zur Arbeit zu gehen. Mein älterer Bruder kam und löste mich ab. Später erzählte er mir, dass er die Mama gefragt habe, wie es ihr ging. Gut, meinte sie, sie würde nun gern nach Hause gehen. Sie habe eine gute Nacht verbracht. Er fragte sie, ob jemand bei ihr gewesen sei. „Ja“, antwortete sie freudig, „dein Bruder ist netterweise die ganze Nacht bei mir geblieben!“

So viel zum Wert der pflegenden Töchter. Ja, es wird sich etwas ändern müssen. Vielleicht können wir damit beginnen, die Pflegezeiten anzuerkennen, monetär und mit besseren Absicherungen für die pflegenden Familienmitglieder. Aber es geht auch um öffentliche Anerkennung einer immensen Leistung, die allzu oft im Verborgenen und Verdrängten erfolgt.

Dabei können wir genau an diesen Bereichen etwas Wesentliches ablesen – nämlich welcher Wert in einer Gemeinschaft der Würde und der Menschlichkeit beigemessen wird.

Für Zweifelsfreiheit

zweifelIch mache mir Sorgen um unsere Gesellschaft.

Schon seit Monaten hege ich die Befürchtung, dass wir in Europa einer totalitären Epoche entgegen gehen. Ich komme von den Debatten in den Dörfern Südtirols zurück und in mir klingen die faschistoiden Aussagen und Denkmuster nach, die ich dort aufgefangen habe.

1.650 AsylbewerberInnen leben derzeit in unserem Land. Ob das viel oder wenig, ob das schaffbar ist, darüber wird auf allen Ebenen diskutiert. Das ist bemerkenswert in einem Land, das 30 Millionen Nächtigungen aushält und sich andererseits wegen 1.650 Personen bekümmert, die vor Krieg, Verfolgung, Hunger (ja, Hunger! Kein Asylgrund, aber sehr wohl ein Fluchtgrund, aber sogar das muss man sich in Diskussionen erst erstreiten) flüchten.

Wir können uns das so vorstellen, als ob wir zu 500 im Waltherhaus sitzen würden und es kämen 2 dazu. Haben sie tatsächlich nicht Platz? Machen sie uns unseren streitig? Was verändern diese 2 Menschen? Können sie auf den Glauben, die Traditionen, die Werte der anderen 500 einwirken, ja ihnen diese nehmen? Würden die anderen 500 im Waltherhaus die 2 neuen überhaupt bemerken, wenn sie nicht eine andere Hautfarbe hätten?

Es verschieben sich derzeit die normativen Maßstäbe, nach denen wir zu denken gewohnt sind. Meist verschieben sie sich unbewusst. Harald Welzer nennt das „Shifting baselines“.

Als ich klein war, kamen die ersten Bilder von hungernden Kindern aus Afrika nach Europa. Es gab Hungersnöte, Dürre und Krieg, Kinder starben. Damals gab es ein kollektives Entsetzen, erste Wahrnehmungen, dass das nicht richtig ist.

Wer sich heute rühren lässt, von hungernden Menschen, die jetzt nicht mehr in der Zeitung zu sehen sind, sondern am Bozner Bahnhof, der wird nunmehr als Gutmensch geschimpft. Ich wurde letzthin lauthals ausgelacht in einer Diskussion, als ich vorschlug, diesen Menschen Toiletten zur Verfügung zu stellen. In einem Südtiroler Dorf, das 6 geflohene Menschen wird aufnehmen müssen.

Es verschieben sich die Baselines, die normativen Maßstäbe. Oft in kürzester Zeit.

Golda Meir_Welzer

(Harald Welzer, Wir sind die Mehrheit, Fischer Verlag, April 2017)

Innerhalb von 8 Jahren hatte sich damals der Wandel Deutschlands vollzogen, von einem weltoffenen Land zu jenem, das mitten in Berlin die Deportationszüge starten ließ.

Sie sagen jetzt wahrscheinlich, der Vergleich mit den 30er Jahren sei heillos übertrieben. Das dachte ich auch lange Zeit. Aber es gibt leider viele Parallelen. Im Deutschland der beginnenden NS-Zeit begann es schleichend. Mit der Konstruktion des Sündenbocks. Mit feinen Unterscheidungen zwischen „anständigen“ Juden und anderen. Mit kleinen Maßnahmen, mit sprachlichen Neudefinitionen. Mit Argumenten wie der Gefährdung des „Volkskörpers“ durch „zuviele“ Juden. Mit Worten wie „Duldung“, „Abschiebung“, „Überfremdung“ oder „Überforderung der Sozialsysteme“. Kommen euch diese Begriffe bekannt vor?

Es ist leicht, sich verschieben zu lassen, in dieser Thematik, es passiert sogar den Gutmenschen, dass sie beginnen, zu unterscheiden, ob es eine „Berechtigung“ für die Aufnahme gibt. Krieg ja, Hunger nein. Dass sie vom Schutz der Außengrenzen Europas zu reden beginnen. Ja, es verschieben sich die Maßstäbe, auch in uns. Zweifel entstehen zu sicheren Gewissheiten, sogar zu Grundwerten, wenn man etwas immer wieder hört oder sieht. In einer Werbung letzthin auf salto war ein eklatanter Rechtschreibfehler zu sehen. Magazien mit ie. Ich habe schmunzeln müssen. Nachdem ich es aber oft las, da die Schrift immer wieder verschwand und wiederkehrte, kamen mir Zweifel. Ich habe am Ende Magazien gegoogelt. Ein banales Beispiel für eine solche Maßstabsverschiebung. Wenn mans immer wieder hört, kommt es einem irgendwann richtig vor, auch wenns ursprünglich als falsch erkannt wurde, oder man beginnt zumindest zu zweifeln.

Ich fordere deshalb eine entschiedene Rückkehr zur humanitären Zweifelsfreiheit.

Die Diskussion und die Abstimmung zum Ius Soli letzthin im Regionalrat war erschreckend. Die Mehrheit der Abgeordneten hat die Aussage getroffen, dass es Unterschiede zu geben hat, zwischen Neugeborenen. Dabei steht im Artikel 1 der Menschenrechte der theoretisch verteidigte Satz „Alle Menschen sind frei und gleich an Rechten geboren“. Das gilt in der Praxis nicht, wenn ein Kind in Italien von einer Mutter geboren wird, die nicht italienische Staatsbürgerin ist.

In einer entsetzlichen kognitiven Dissonanz wird in unserem Land die Martinsprozession verteidigt, indem man zugleich die Hungernden aus dem Land haben will.

Finstere Zeiten. Zivilcourage ist hier gefragt. Und das Erkennen und Benennen der Zeichen. Seien wir also zumindest ehrlich. Sagen wir, dass es uns bei der „Sicherung der Außengrenzen Europas“ darum geht, Geflüchtete hinter die Grenzen Europas zurück drängen. Dass die „Rückführung von Nicht-Asylberechtigten“ bedeutet, die Hungerflüchtlinge zurück in die Armut schicken. Dass die „Bekämpfung des Schlepperwesens“ übersetzt nichts anderes heißt, als dass die Menschen in Afrika verharren müssen. Dass der gefeierte „Rückgang der Migrationsströme“ verschweigt, dass man horrende Lagersituationen in Libyen oder der Türkei akzeptiert.

Dass also die meisten Regierenden in Europa – und Europa selbst – in dieser Frage eine pseudohumanitäre, elegante, mit Pragmatismus kaschierte Feigheit kennzeichnet. Und dass es uns allen ein Leichtes ist, wegzuschauen, von Kontingenten zu reden, von den Grenzen der sozialen Aufnahmefähigkeit, von Unterschieden letztlich. Oder gar zu schweigen.

Meine Rede ist ein Appell dagegen.

Unsere Generation wird eines Tages nicht nur die ätzenden Worte und bösen Taten der schlechten Menschen zu bereuen haben, sondern auch das furchtbare Schweigen der guten.” (Martin Luther King)

Brigitte Foppa

Auszug aus der Rede zum Landeshaushalt 2018 (leicht geändert).

Sauna & Sexismus

Foto Bri Sauna

In dieser Woche haben wir im Südtiroler Landtag über die Verlängerung der Öffnungszeiten in der Damensauna debattiert. Ich hatte einen entsprechenden Antrag (auf den Wunsch von Bürgerinnen hin) eingebracht. Die Diskussion war grenzwertig – es ging um Frauen, um Körperlichkeit, um Nacktheit. Man unterstellte, dass ich Männer als Gaffer generalisieren wolle, man vermutete, dass Frauen sich grundsätzlich beglotzt fühlen, es hieß, dass man in der Sauna das Beschaue in Kauf nehmen müsse, und überhaupt, Frauen schauen ja auch etc. etc.

Mitten in der allgemeinen Sexismusdebatte in Europa hat Südtirol, unbewusst und unterschwellig, einen kleinen Sexismushype gelebt.

Denn das Thema landete auf diversen Titelseiten, stets versehen mit nackten oder halbnackten Frauen. Es fehlten nicht Fotomontagen von Landtagsabgeordneten in der Sauna. Die Kommentare und die Bemerkungen im Netz und aber auch in Bars und auf der Straße waren vernichtend.

Sie zeigten auf zweierlei Ebenen auf, wie tief die Verachtung gegenüber Frauen und Frauenthemen greift. Da lesen wir einmal die üblichen Bosheiten gegenüber Frauen, auch gegenüber der Einbringerin des Antrages: „Mit der will ja eh niemand in die Sauna“, „Die schaut ja eh niemand an“, „Foppa braucht keine Angst zu haben: hässliche Frauen werden in Ruhe gelassen“… etc.

Auf einer tieferen Ebene findet die Abwertung des Themas statt. Der Südtiroler Landtag, der sich in der Vergangenheit schon mit Themen befasst hat wie die Ablehnung der Sommerzeit für Südtirol oder neutrale T-Shirts für Südtiroler Sportler, ohne dass es größere Proteste gegeben hätte, wird als Institution ins Lächerliche gezogen, weil er über die Abendöffnung der Sauna für Frauen diskutiert hat. Und die Grünen, die haben wohl auch keine anderen Themen mehr, hieß es gleich mit (auch wenn wir in der selben Session Anträge über Transparenz der Landesregierung, Landebahn des Flughafens und Nachvollziehbarkeit der Fleischherkunft brachten und die Debatten über Europa- und Gemeindengesetz maßgeblich mitbestimmten).

Die allgemeine Empörung, so mag man vordergründig meinen, hat mit Frauen nichts zu tun. Man ärgerte sich über die „Überflüssigkeit“ des Themas. Das wird zwar schon von der mangelnden Entrüstung über andere Anträge wie die oben genannten widerlegt, aber wir können auch an einem Vergleich den Test machen:

Wie hätte die Südtiroler Öffentlichkeit reagiert, wenn der Vorschlag gewesen wäre, etwa die Turnhallen abends für Rugbytraining offen zu halten?

Ich nehme an, man hätte gesagt, naja, eben ein Nischenthema. Aber Sport ist ja wichtig und da braucht es entsprechende Räume.

Genau darum ging es in der Damensauna. Um Räume für Frauen, von denen einige, gerade wenn sie nackt sind, auch einmal gerne unter sich sind – und darum, diese Räume in den Abendstunden offen zu halten, da Frauen heutzutage tagsüber gleich wie Männer in der Arbeit sind.

Mein Kollege Hans Heiss sprach von einem Lehrstück, wie ein vernünftiges Thema sexistisch verbraten werden kann. Genauso ist es.

Allerdings fürchte ich, dass am Ende wieder wir Frauen die Lehren ziehen werden. Nämlich, dass es besser ist still zu sein und die Körperlichkeit und das Sprechen darüber in den privaten Raum zurück zu verbannen.

#Me Too

grinsendetasseIch denke an die Gesichter.

An die Gesichter der Buben im Schulhof, als sie uns über die gängige Sexualterminologie aufklärten.

An das Gesicht des alten Herren, der in der Bar so lange gewartet hat, bis ich, damals ca. 12 Jahre alt, allein war und er versuchte mich zu küssen (mit Zunge).

An die Gesichter der Gäste, die schunkelnd Mösenlieder sangen, während wir das Essen servierten.

An die Gesichter in der Hütte, als die Schnaderhüpflen zu den nacketen Weibern gesungen wurden.

An das Gesicht des jungen Betrunkenen, den ich des Lokals verwies und er mich daran erinnerte, welches Geschlechtsteil ich habe.

An das Gesicht des Typen vor dem Mädchenheim, als er den Mantel aufmachte.

An den Chef, der uns zum Service rief („Hennen!“) und fragte, wer denn heute der Chefin „das Würstl bringen“ wolle.

An den Kollegen im Gemeinderat, als er den Witz vom Rasenmäher erzählte („Weißt du den Unterschied zwischen einer Frau im Minirock und einem Rasenmäher? Nein? Dann halt mal die Hand drunter!“)

An die Gesichter der Kollegen im Gemeinderat, die uns Rätinnen wahlweise als Jungfrauen (naiv) oder als Flittchen (unbeständig) bezeichneten.

An den Kollegen im Landtag, der sagte, heute habe die Opposition (da war nur ich) keine Eier in der Hose.

An die Kollegen im Regionalrat, wenn sie die anwesenden weiblichen Abgeordneten kommentieren.

An die Gesichter all jener, die mir und anderen Frauen schon das ganze Leben lang was nachschreien, dass wir schöne oder hässliche Beine, Pos oder Brüste haben.

An die Gesichter der Männer, die uns ihre Vermutungen darüber aussprechen, ob wir gut sind oder schlecht oder heiß oder frigide.

Ich sehe in diesen Gesichtern viele Unterschiedlichkeiten. Alle aber zeigen eines auf, nämlich garantierte Bewusstheit dessen, was sie gerade tun. Sie schmunzeln, grinsen, feixen, schauen gespannt auf die Reaktionen. Alle wissen, dass sie mich oder meine Geschlechtsgenossinnen irritieren, verstören, verletzen, beleidigen.

Die Hauptreaktion auf die Sexismusdebatte leugnet dies. Aussagen wie „Man wird jetzt keiner Frau mehr die Tür aufhalten dürfen“ verbinden die stets unfaire Paradoxisierung als Argumentationstaktik, mit dem Versuch, Männer von ihrer Verantwortung zu entbinden.

Dabei werden Männer regelrecht infantilisiert. Ihnen wird die banalste soziale Kommunikationskompetenz abgesprochen, nämlich zu verstehen, was die eigenen Aussagen beim Gegenüber bewirken. Das ist schlichtweg absurd. Schon die kleinen Buben im Kindergarten erkennen, wann sie Mädchen verletzen. Jeder Mann kennt den Unterschied zwischen Aussagen wie „Du bist eine geile Henne“ und „Du hast eine interessante Ausstrahlung“. Hierfür braucht es kein feministisches Sittengericht, Männer haben diese Unterscheidungskompetenz genauso intus wie Frauen. Die Bundeszentrale für politische Bildung zitiert eine Studie, die belegt, dass sich Männer und Frauen weitestgehend darüber einig sind, was in einer Interaktion als sexistisch, beleidigend oder entwürdigend empfunden wird. Ich glaube das auch. Alle Gesichter der Männer, die ich vorhin Revue passieren ließ, drücken dieses Bewusstsein darüber aus.

Dieser Aspekt ist von größter Bedeutung. Denn es heißt, dass Männer sich trotz dieses Bewusstseins für Sexismus entscheiden. Die Gründe und Zielsetzungen dieser Entscheidung sollten in der laufenden Debatte einen sehr viel wichtigeren Anteil haben als die hilflose Flucht in Bagatellisierung, paradoxe Verzerrung und Opferumkehrung, die wir derzeit erleben.

Sexistische Äußerungen sind Gesten einer gestörten Interaktion zwischen den Geschlechtern. Die Auseinandersetzung darüber, wie wir hier als Gesellschaft und als Männer und Frauen verändernd, verbessernd, ja vielleicht gar heilend einwirken können, verlangt uns viel ab. Es wird auch wehtun – und Zeit brauchen. Die #Me too-Kampagne katalysiert, beschleunigt, fordert heraus.

Dafür werden meine Tochter oder wenigstens meine soeben geborene Großnichte vielleicht irgendwann in andere Gesichter schauen als ich, und hoffentlich auch anders gesehen werden. Auf Augenhöhe und mit Respekt im Blick.

http://m.bpb.de/apuz/178670/die-sexismus-debatte-im-spiegel-wissenschaftlicher-erkenntnisse?p=all

 

 

Die neue Rechte, der ländliche Raum und wir Grünen

Grüne BW ländlicher raumBei der 2. Transnationalen Alpentagung wurde kürzlich das Thema der Rechtsparteien und deren Vor- bzw. Durchmarsch in den Landgemeinden diskutiert. Gegenstand der Debatte waren u.a. die Bundespräsidentschaftswahlen in Österreich, wo bei der ersten Wahl in den Gemeinden unter 3.000 EW Norbert Hofer teils 80% der Stimmen erringen hatte können. Dahingegen hat Van der Bellen bekanntlich durch die urbane Wählerschaft die Wahl für sich entschieden. Aber auch in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich etc. etablieren sich weiterhin Rechtsparteien, die insbesondere im ländlichen Raum gewählt werden. Spezifisch für Frankreich ergaben Studien, dass Marine Le Pen hauptsächlich dort gewählt wurde, wo der Raum am meisten parzellisiert ist, also in periurbanen Gegenden, in denen sich das Gemeinschaftsgefüge großteils aufgelöst hat.

Damit ist die große Angst vor Vereinsamung und Abgrenzung die Kehrseite der Indiviualisierung, und auch sie führt nach Rechts.

Die Überlegungen sind für uns in Südtirol wichtig, weil wir uns ja fast gänzlich (mit Ausnahme Bozens, das nicht umsonst vielfach als „Fremdkörper“ in Südtirol empfunden wird) als ländlichen Raum wahrnehmen – wenn das auch nur teileweise stimmt, so ist die kollektive Wahrnehmung doch sehr von Südtirol als ländlichem Raum dominiert.

Rechtspopulisten haben laut der Publizistin Liane Bednarz zwei wesentliche Merkmale: Erstens das Auftreten durch markige Sprüche und Vereinfachung und zweitens durch den moralischen Alleinvertretungsanspruch („nur wir vertreten das echte Volk“) und Verachtung gegenüber den anderen Parteien.

Die neue Rechte fußt auf Ethno-Pluralismus: In Abgrenzung von den Rechtsextremen, die verfassungsfeindlich auftreten und völkische Überlegenheit in den Mittelpunkt stellen, sagen die neuen Rechten, dass prinzipiell alle Kulturen gleichwertig sind. Abgelehnt wird aber die „Mischung“ der Kulturen, das „Multikulti“, die „Überfremdung“. Der Aufbau von Angst vor diesen Trends angesichts von Flucht und Migration funktioniert besonders gut in jenen Gegenden, in denen es kaum echten und direkten Kontakt mit „dem Fremden“ gibt. Dort ist man für die rechten Botschaften besonders empfänglich, und gerade das wird von den Rechtspopulisten genutzt.

Daneben arbeiten Rechtspopulisten noch mit einem weiteren Feindbild, nämlich „den Eliten“. Hofer betonte Van der Bellens Verortung „in der Schickeria“ bei jeder Gelegenheit. Denselben Diskurs führt in Italien sehr erfolgreich die 5*Bewegung. Aber auch in Südtirol gibt es immer wieder Abgrenzungsversuche vom „politischen Establishment“, von „den Parteien“ seitens einzelner PolitikerInnen oder politischen Bewegungen, die in diesem Sinne antielitär auftreten – bis sie selber der Identifikation mit dem System erliegen. Chi di moralismo ferisce, spesso di moralismo perisce.

Eine Überlegung für uns Grüne muss sein, dass gar einige klassische „grüne“ Themen von den Rechten übernommen werden: Naturschutz, Schutz der Heimat, Tierschutz sind etwa jene Inhalte, die einst von der konservativeren Flanke innerhalb der Grünen besetzt wurden, und zum Teil jetzt von Rechtsparteien vertreten werden. Und mit den Themen sind auch ehemalige Grün-WählerInnen abgewandert. Andererseits vertragen es die Rechtspopulisten gar nicht, wenn Linke in ihre Gefilde eindringen. Als etwa Van der Bellen vor der Wiederholung der Wahl offensiv das Heimat-Thema spielte, goutierte das sein Gegner ganz und gar nicht.

Schließlich nutzen Rechtspopulisten ein weiteres, historisch vorverdautes Feindbild: die „Stadt“. Wie zu den übelsten Zeiten des vorigen Jahrhunderts wird die Stadt heute wieder gern als Gomorrha gelesen, als Ort der Verwirrung und der Vermischung, als Stätte der Entheimatung und Entwurzelung, wo das Fremde eindringt und Identität verloren geht. Gegenüber der kaleidoskopischen und komplexen Wirklichkeit der urbanen Gesellschaft kann die „Einfachheit“ und „Sicherheit“ des ländlichen Raums gespielt werden… samt der Notwendigkeit, ihn vor dem Eindringen des „Fremden“ zu schützen. Dafür nun wiederum bieten sich Rechtspopulisten geradezu an und dass sie auf dem Land, in den Tälern Gehör finden, beweist ihre Verwurzelung und Vertretung in den kleineren Ortschaften.

Da haben wir Grüne einen Weg vor uns. Mit Natur- und Heimatschutzthemen und unserem ehrlichen Engagement können wir weit über die Städte hinaus punkten. Und die Zuschreibung von exklusiver Urbanität und Elitenvertretung bleibt eine Falle, in die wir nicht tappen dürfen, auch wenn wir in den Städten vielleicht unmittelbarer verstanden werden.

Es ist eigentlich eine schöne Aufgabe. Schließlich ist das radikal Andere an uns Grünen genau der Ansatz, immer wieder Gegensätze in Verbindung zu bringen. So sollten wir vermehrt kommunizieren, wem wir Heimat bieten können: den naturliebenden DorbewohnerInnen ebenso wie den aufmerksamen StädterInnen (und umgekehrt).

Offenes Denken hält schließlich nicht vor dem Ortsschild statt.

 

Una Politica della Buona Vita. Eine Politik des Guten Lebens. Discorso alla Landesversammlung, BZ, 27.05.2017

TrommelnBuon giorno!

Die Grundfrage: Worum hat es zu gehen?

Di che cosa dobbiamo occuparci (e di che cosa dobbiamo pre-occuparci)? Vorrei mettere al centro delle nostre riflessioni di oggi il concetto della Buona Vita, das Gute Leben, il Buen vivir. Sembra una banalità (non dobbiamo mirare tutti alla buona vita? Che c’entra la politica?) invece potrebbe, dovrebbe forse essere sempre maggiormente essere il nostro Leitfaden, il filo verde per quello che facciamo. Il Buen vivir si è sviluppato all’interno delle popolazioni indigeni ed è la summa summarum della loro saggezza. In un momento in cui il nostro sapere di „occidentali“ sta giungendo decisamente ai suoi limiti magari è il caso di rivolgerci ad altre saggezze, a quelle delle donne, ad esempio, dei poveri,dei popoli sottomessi…

Tre pilastri ha il Buen vivir:

  1. Vivere il legame con la natura
  2. La comunità
  3. La fiducia.

Natur, Gemeinschaft, Vertrauen – das ist das Dreieck des Guten Lebens laut den indigenen Völkern Südamerikas und es wird von ihnen auch im Politischen, insbesondere im Politischen gelebt, bzw. als lebbar angesehen.

Nein, es geht nicht um Fein sein, beinander bleiben, um Kuschelprogramme, Schönwetterreden oder leichtfertige Gutmütigkeiten, sondern um eine klare politische Ansage, die zum jetzigen Zeitpunkt mehr denn je gebraucht wird.

Wenn Verbundenheit mit der Natur als Ziel der Südtiroler Politik stünde, gäbe es ein anderes Raumordnungsgesetz als jenes, durch das wir uns derzeit in der frustrierten Analyse quälen.

Es gäbe keinem Widerstand gegen unsere Gesetzesinitiativen gegen Pestizide oder Herbizide, die Beibehaltung der Wintersperre am Würzjoch wäre ebenso logisch wie die Einschränkung des Flugverkehrs über dem Unterland und dem Bozner Talkessel.

Konventionelle Landwirtschaft wäre jene, die seit Jahrhunderten Menschen auf dem ganzen Planeten ernährt, Tierfabriken wären undenkbar, dafür müsste man über die Förderung von Gärten nicht müde lächeln oder sich gar aufregen.

Klimaschutz wäre nicht nur das Anliegen von ein paar Spinnern, die gegen Großkonzerne aufbegehren, sondern wäre erste und oberste Priorität, um unseren zerbrechlichen Planeten noch halbwegs gesund an die nächsten Generationen zu übergeben.

Come vedete in questi pochi esempi, questo fil rouge ci può guidare a tutti i livelli, dal lavoro della singola consigliera di circoscrizione fino alle trattative internazionali.

Certo, una bella sfida, significa una svolta radicale, passare dall’antropocentrismo al biocentrismo, considerare i diritti della natura pari ai diritti di noialtre.

Übrigens habe ich mir zum sichtbaren Zeichen der Verbundenheit mit der Natur angewöhnt, immer eine Blume oder eine lebende Pflanze im Blickfeld zu haben. Und manchmal denke ich, dass das mehr Veränderung in den Landtag bringt als viele Beschlussanträge…

Und auch wenn wir in der pragmatischen Sachpolitik, die wir auf allen Ebenen betreiben, stets auch kleine Schritte in die richtige Richtung würdigen, so darf uns das Ziel vor Augen nicht verloren gehen.

Und das ist jenes einer radikalen Wende.

Einer radikalen Wende in der Umweltpolitik, der Verteilung, der demokratischen Vertretung – vor allem aber auch eine Denkwende.

Denn das Schöne unserer grünen Politik (lo dico in ogni discorso, scusate) ist genau das. Dass wir immer bei uns selbst anfangen können. Während andere „auf die da oben“ schimpfen und zugleich weidlich deren Spiel mitspielen, ist uns Grünen seit jeher das Privileg bewusst, dass das Welt-verändern nicht in der großen Politik beginnt, sondern bei unserem Essen, unserer Kleidung, unserem Verkehrsmittel, unserem Konsumverhalten.

È purtroppo anche questo che ci rende antipatici, moralisti, fondamentalisti se sei coerente e slavato quando non sei fondamentalista. Insomma, il cruccio di essere verdi lo conosciamo e non voglio dilungarmi. Il mio discorso ci vuole motivare, renderci orgogliosi di noi e farci venire voglia di andare avanti e di crescere.

Ce n’è, ce n’è, da essere orgogliosi. Poi tirerò anche le somme del percorso fatto in questi anni, ma vorrei soffermarmi un attimo ancora sulla Buona Vita.

Perché il secondo pilastro è quello della Comunità.

Per una buona vita è fondamentale poter vivere bene il nostro essere esseri-sociali.

Se pensate che l’umanità si è sviluppata (non come si pensava un tempo, dopo aver imparato ad usare gli utensili) per la comunicazione e la socialità, allora forse dobbiamo fare il punto della situazione sulle evoluzioni recenti.

Mi riferisco da un lato all’aspetto individuale e al rischio di perdere competenze in un mondo che relega la comunicazione a un livello digitale (e ringrazio il gruppo DIGITAL SUSTAINIBILITY che si è formato da poco nei Verdi e che si occupa proprio di queste tematiche) e che all’insegna di indipendenza crea persone sempre più sole (pensate che stiamo perdendo anche competenze banali come chiedere a qualcuno di farci una foto o di spiegarci la strada…).

Auf der anderen Seite aber beziehe ich mich auf das Gesamtgesellschaftliche und sage es ganz deutlich:

Eine Gesellschaft kann niemals ein Gutes Leben bieten, wenn sie ausschließt. Una società non può offrire una buona vita se esclude.

Se esclude dalla ricchezza, dal benessere, dall’eguaglianza dei diritti.

Für uns ist es logisch und es langweilt auch, immer das Gleiche zu wiederholen: Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit müssen Hand in Hand gehen. Non siamo per una politica ecologista fine a sé stessa.

Non esiste, se non è solidale.

Mi sono praltro convinta, osservando i Verdi di tutta Europa, che attualmente il più grande impegno, specie dei e delle giovani Verdi, non punta principalmente sull’ambiente, il nostro tradizionale „core business“, ma che il vero Herzblut, il maggiore movimento nel senso di Bewegung lo si trova nell’ambito della politica della migrazione.

Sono giunta alla conclusione che infatti attualmente la forza più dirompente dei Verdi sia in ambito sociale,proprio nelle politiche dell’integrazione. La paragono alle tematiche ambientali nei primi anni dei Verdi.

Das große gesellschaftliche Innovationspotenzial der ersten Grünen lag in der Umweltpolitik und im alternativen Auftritt. Sie haben damals sehr angeeckt, wurden verlacht, an den Rand gedrängt – und dabei haben sie aber auch Erneuerung und Entwicklung geschaffen. Heute ist Umweltpolitik Teil des Establishment und gilt als politischer Mainstream.

Und wieder sind wir Grünen es, die in der größten gesellschaftlichen Herausforderung dieser Zeit – eben der Migrationsfrage – voran gehen, den Kopf hinhalten, auf Entwicklung pochen, sie politisch einfordern und menschlich vorleben. Wieder werden wir verlacht und als Naivlinge marginalisiert.

Vielleicht kann uns aber auch dieses Bewusstsein, dass wir nicht weltfremd sind, sondern nur der Zeit voraus, stützen und stärken.

Ich plädiere daher insistent für ökosoziale Politik, mehr denn je, più convinta che mai.

Ja, man das Thema der sozialen Gerechtigkeit ganz schön ausklammern. Wir sehen das bei manchem politischen Mitbewerber im Landtag, der immer dann aus dem Saal geht, wenn es um brenzlige soziale Themen geht.

Wir sind dann als Gutmenschen allein auf weiter Flur, manchmal trotzig, manchmal frustriert und abgekanzelt, meistens aber mit dem sicheren Gewissen, dass wir genau das Richtige sagen, auch wenn es weh tut.

Wir fühlen uns dabei ehrlicher und konsequenter als jene, die HabtAcht stehen, wenn der Bischof kommt und die wehrhaft das Kreuz als Zeichen unserer „christlichen Wurzeln“ verteidigen und dann aufrufen zum Abschieben, zum Isolieren, zum Ausgrenzen, zum Unterscheiden zwischen jenen, die sich den Wohlstand verdienen und anderen, die ausgeschlossen sein sollen. Die jährlich im November schreien, dass die Martinsprozession gefährdet ist – und dann fordern, dass den Obdachlosen am Magnago-Platz die Decken weggenommen werden.

Si, fa male, pensare alla povertà, anzi all’impoverimento.

Disturba, pensare alle disuguaglianze.

Ciò nonostante credo che in questo ci sia anche la più forte richiesta sociale (appunto) verso di noi. In mancanza di una vera forza socialdemocratica in Südtirol-Alto Adige, noi occupiamo questo spazio politico – e credo che negli appuntamenti elettorali dei prossimi tempi`sarà proprio su questo che bisognerà alzare la voce. (grazie al gruppo social&green, alle donne verdi e a VerdECOnomia che stanno ponendo le basi da tempo per una riflessione approfondita e consapevole di questi argomenti).

Kommen wir noch zum Vertrauen, der dritten Säule des Buen Vivir, la fiducia. Ich möchte hierzu einen Blick auf die Politik im engeren Sinne werfen, auf die Demokratie – auf sie hatten wir auch in unserer Wahlkampagne 2013 zusammen mit der Umwelt den Schwerpunkt gesetzt – nicht zuletzt nach der allseits gewürdigten Arbeit von Riccardo und Hans in Sachen SEL und im Hinblick auf die Ankündigungen der neuen SVP-Spitze auf Erneuerung und Erweiterung der demokratischen Mitgestaltung im Lande. Wir werden dazu noch ausgiebig Stellung nehmen, in den kommenden Monaten.

Im Moment möchte ich ein wenig die allgemeinere Entwicklung beschreiben und unserer Rolle darin nachspüren.

Zwei Momente der letzten Tage und Wochen haben mir sehr zu denken gegeben. Einmal die Rede von Emmanuel Macron nach seinem Sieg im ersten Wahlgang. Wie wir alle war ich natürlich froh, dass Le Pen nicht gewonnen hatte. Aber die Inhaltsleere seiner Rede machte mich betroffen. Es ging um ihn. Um das Vertrauen, das man in ihn zu setzen hatte, um seine Redlichkeit, seine Unabhängigkeit von Parteien und politischen Interessensgruppen. Ähnliches erleben wir in Österreich von Sebastian Kurz und nicht viel Anderes ist im Südtiroler Landtagswahlkampf zu erwarten. Pare che i partiti come scrigni dei valori o come piattaforme di confronto non servano più, anzi, siano di impiccio. L’alternativa è la proiezione di tutte le aspettative su un’unica persona, spesso anzi su un unico uomo. In genere, se è furbo, non si scopre mai del tutto, si tiene molte vie aperte. Così può piacere a tutti e al contrario di tutti.

Es ist die Ära der Publikumslieblinge angebrochen, und jene der Beliebigkeiten. Die Zeiten von kantigen PolitikerInnen, die auch einmal aneckten, provozierten, neue Straßen eröffneten, auf die Nerven gingen, scheint ebenso vorbei wie jene der Parteien oder Bewegungen als Identifikationspoole. Die Halbwertszeit von PolitikerInnen hat sich ungemein verkürzt. Expertise, kollektive Entscheidungsfindung, generationelle Weitergabe von Werten, das alles scheint passé. Der Tanz der Eitelkeiten, la sfida dei narcisi ist grässlich anzusehen. Mich besorgt diese Entwicklung und ich kann euch nicht sagen, wie stolz ich darauf bin, einer Bewegung anzugehören, die sich weiterhin, bei aller nötigen Modernität im Auftritt (übrigens haben wir auch endlich ein neues Corporate Design und im Herbst wird es auch eine neue Homepage geben), dieser Entwicklung verweigert. Wie sehr freut es mich, dass in Österreich im angehenden Ego-Match bei unseren grünen FreundInnen zwei Frauen vorne stehen, die die Sachpolitik noch nicht verlernt haben und mit Energie und Kompetenz den eitlen Tröpfen zu Leibe rücken werden. (Alles Gute, Ingrid und Ulli!!)

Io credo, spero, che ci sia ancora spazio in politica, per una politica sana e non narcisistica. Lo schema del narcisismo prevede che ci si esalti nell’abbassare l’altro. In genere nelle assemblee dei partiti gli applausi più grossi arrivano quando si parla male dell’avversario. È facile. Crea spirito di appartenenza. Esalta i propri pregi, più spesso copre le proprie mancanze. Non è un meccanismo sano per la politica. Da un lato affascina il pubblico, dall’altro crea disprezzo verso la politica (tanto, quelli sanno solo litigare). Fa parte della politica sana, ecologica invece essere corretti. Siamo per la non-violenza? Allora pratichiamola anche in politica. Tra Vaffanculismo e Qualunquismo c’è spazio. Lo spazio per noi, la nostra buona politica verde, costruttiva, critica e propositiva.

Die kleine, selbstbezogene Frage also, Wie wollen wir sein? verschmilzt mit der großen Frage: Wie verändern wir Welt? (denken wir an den alten Berliner Grünen Hans Christian Ströbele, der auf die Frage, warum er mit Mitte 70 noch einmal kandidiere, geantwortet hat: Weil es mit der Weltrevolution noch nicht ganz geklappt hat…)

Wir wissen: Nicht durch Schweigen, Wegschauen, sich Wegducken. Ganz sicher auch nicht durch narzisstische Selbstdarstellung. Leider auch nicht durch Selbstausbeutung, die dem guten Leben ebenfalls zutiefst widerspricht und die bei uns Grünen schon fast in den Genen liegt (die zweite Episode dieser Tage, die mich sehr berührt hat, war der Rücktritt von Eva Glawischnig, die es offensichtlich nicht mehr derpackt hat und kurz vor dem Abgrund den Absprung geschafft hat).

Nur eine kollektive Leistung kann dies alles verhindern. Siamo state, con le Donne verdi, a un Workshop di percussioni, l’altra sera. Non era solo bello e divertente, trovare il ritmo insieme, e fare, per una volta, qualcosa di „fisico“, era anche un’esperienza di conoscenza. Se si battono i tamburi insieme, anche se per una volta perdi il ritmo, lo ritrovi, perché le altre lo portano avanti. Se sbagli ti riprendi subito, perché le altre di ripigliano. È stata una lezione di bella politica, la nostra serata trag li strumenti musicali. Abbiamo visto anche che ci sono molti modi per amplificare i suoni, modi che l’umanità ha sviluppato nei millenni, prendendo pezzi di natura, di piante, di animali, usandoli per far sentire la propria presenza. Per avvertire dai pericoli, mandando suoni attraverso il paesaggio, per le colline. Per gustare la bellezza dei suoni. E per farla risuonare insieme.

Questo è credo,il nostro compito nel mondo. Das ist unsere Aufgabe in der Welt. In den letzten Jahren haben wir sie erfolgreich wahrgenommen. Auch wenn unser Selbstbild immer sehr kritisch ist und unsere Unzulänglichkeiten in den Mittelpunkt stellt, so sollten wir manchmal auch auf unsere Erfolge schauen.

Seit 2008 haben wir uns bei den Landtagswahlen um 50 % gesteigert, wir haben einen Parlamentarier nach Rom entsandt, was kein Wunder war, sondern auch gewiefte Strategieentscheidung. Beinahe hätten wir es mit Oktavia Brugger wieder ins Europaparlament geschafft. Wir stellen in Bozen die Stadträtin (e a volte, seguendo le politiche di BZ sui media, sembra anche che sia l’unica assessora della città…), in Meran zusammen mit der Liste Rösch den Bürgermeister. Wir sind in diesem Sinne die zweite Regierungskraft im Lande.

Possiamo essere quindi anche orgogliosi, ogni tanto. Tutto questo lo abbiamo raggiunto sempre riunendo le forze, scegliendo le streategie più intelligenti e soprattutto credendo in quello che facciamo e credendo in quello che vogliamo raggiungere.

Un mondo migliore, una buona vita per tutte noi. E per i compagni e le compagne nella natura e per il pianeta che ci ospita.

C’è bisogno di noi. Es braucht uns.

Danke. Grazie.