Un’altra politica. Eine andere Politik(erin)

Una piccola rassegna dei miei 5 anni in Consiglio Provinciale. Ein kleiner Einblick (mit Tippfehler…, so ists, nichts ist perfekt), wies war in den letzten 5 Jahren im Südtiroler Landtag.

 

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Das kann nicht sein

rosa-luxemburg2Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat. Rosa Luxemburg

Man hat uns geraten, bestimmte Themen gar nicht anzusprechen. Über Migration, Raumordnung, Partizipation etc. reden, das würde keine Stimmen bringen. Wir haben sogar darüber nachgedacht, ob man dem Folge leisten sollte.

Viele Politiker tun dies auch mit großem Erfolg.
Ich beobachte sie. Sie sagen nichts. Oder sie sagen vor jedem Publikum etwas anderes (nämlich genau das, was es hören will). Sie beschreiben Problemsituationen, sagen aber nicht, wie sie diese lösen würden. Dieser Beliebigkeitsansatz verdichtet sich im beliebten Politikersatz “Das kann nicht sein!”. Meist gibt es Applaus dafür.
Die Zeiten sind hart für jene, die sich diesem Sog entziehen.

Ich denke, dass es trotzdem notwendig ist, die Dinge anzusprechen. Eine Meinung zu haben und sie zu vertreten, auch wenns weh tut. Es geht nicht nur darum, sich redlich untereinander zu messen und die verschiedenen Ansätze abzugleichen. Es geht auch darum, ob wir unser politisches Handeln nach nach Slogans und Projektionen ausrichten oder aber nach Werten (Humanität, Gerechtigkeit) und Haltungen (Respekt, Ehrlichkeit).

Schließlich geht es aber auch darum, wie wir uns irgendwann gesehen werden haben. Ich möchte nicht am Ende meines Lebens zu mir sagen müssen “Damals hättest du reden müssen, aber du hast geschwiegen”.

Deshalb plädiere ich für eine Politik des offenen Wortes, der Klarheit, der Zivilcourage.

Sich aus der Gegenwart mogeln, DAS kann nicht sein.

Wenns zuviel wird. Einblick in eine erschöpfte Arbeitswelt

PutzfrauFrüher waren sie eine obligate Präsenz in jeder Schule: die Schulwarte. Wir erinnern uns alle an den „Schuldiener“ oder die „Schuldienerin“. Sie bediente früher nicht nur die Fotokopiermaschine, sondern machte auch eine Tasse Tee gegen Bauchschmerz. Bei ihr erhielt die Schülerin eine Binde in der Not der ersten Mentruationen und ein freundliches Wort. Schuldiener hatten auch eine gewisse Macht. Sie waren stets im Kammerle anwesend und hatten in alles Einblick.

Seit Längerem schon ist die Situation eine völlig andere. Die Erzählung der SchulwartInnen hat mich betroffen gemacht. In mehreren Treffen haben sie mir von ihrem Alltag in der Schule heute berichtet.

Noch nie gab es in Südtirol so viele Schulen und Turnhallen. Aber noch nie gab es so wenig SchulwartInnen wie heute. Durch den Stabilitätspakt wurden Stellen nicht nachbesetzt, sodass das verbleibende Personal mit deutlich mehr Arbeit konfrontiert ist.

Es heißt, dass sich das “Aufgabenprofil erweitert habe”.

In Wirklichkeit fühlen sich die SchulwartInnen längst zu Putzkräften degradiert. Kaum jemand weiß, dass pro SchulwartIn 1.216 Quadratmeter zu putzen sind. Das ist die Fläche von etwa 12 Wohnungen! Viele klagen über körperliche Belastung. Das Durchschnittsalter liegt mit 55 Jahren weit über dem Landesdurchschnitt. Das bedeutet auch, dass die Wartestände und Ausfälle durch Krankheit zunehmen. wenn jemand fehlt, müssen die KollegInnen auch die Quadratmeter der Erkrankten übernehmen. Möglichkeiten der Frühpensionierung gibt es nicht. Das Ganze bei einem armseligen Gehalt, +- 1.100 Euro.

In diesen letzten Jahren habe ich viel Bewegung im Personalwesen des Landes beobachtet. Auf den obersten Ebenen gab es regen Wechsel und eifrige Gesetzgebung. Vielleicht wäre es an der Zeit, den Blick endlich auch auf jene zu richten, die am anderen Ende der Hierarchien ihre Arbeit an der Gemeinschaft leisten.

Arbeit in Würde muss auf allen Ebenen der Anspruch Südtirols sein.

Würstel e Crauti. Wie Tourismus Kunstwelten baut und Authentizität vortäuscht.

AgrodolceFrüher einmal gab es in Mailand einen sehr beliebten „panino“, nämlich den „tirolese“: ein Baguette mit Frankfurter Würstchen und Sauerkraut. Eine in Südtirol absolut unübliche Kombination, die aus der Verbindung zweier gastronomischer Klischees, nämlich Würstel und Crauti, entstanden war; eine Fiktion, die im Land selbst keinen Anklang fand und der sich die örtliche Gastronomie standhaft verweigerte.

Dennoch wurde dieser Panino am Bozner Weihnachtsmarkt offenbar immer wieder verlangt. Dann schließlich fand der „Panino Würstel e Crauti“ irgendwann Eingang ins Angebot des beliebten Mercatino. Die Mailänder Besucher des vorweihnachtlichen Waltherplatzes mögen sich nun zu recht in der Vorstellung bestätigt fühlen, dass diese Kombination „typisch Südtirol“ sei.

Diese kleine Beobachtung fasst sinnbildhaft zusammen, wie Angebot und Nachfrage nicht nur markt-, sondern auch meinungs-und mentalitätsbildend sind und wie sehr Tourismus auch die eigene und fremde Wahrnehmung verändert.

Auch die Beziehungen zu den TouristInnen verändern sich stetig:. In den 60er und 70er Jahren hießen sie noch „Fremden“. Zugleich gab es damals vertieften, oft engen Kontakt mit ihnen (manchmal auch allzu eng – wenn etwa die Kinderzimmer im Sommer zu Fremdenzimmern umfunktioniert wurden und die Gäste ihre Abende im Familienwohnzimmer verbrachten).

Heute ist der Fremde längst zum „Gast“ geworden. Die freundlichere Bezeichnung kaschiert jedoch, dass die Distanz in Wirklichkeit gewachsen ist. Oft genug wird dem Tourist, der Touristin eine Welt vorgesetzt, die mit dem echten Südtiroler Alltag wenig zu tun hat.

Die neuen Resorts, die in entlegensten Winkeln unseres Landes ebenso aus dem Boden schießen wie sie sich in den Ortskernen auftürmen– beides verändern sie unwiderruflich, oft mit unverhohlener Brutalität – sind in sich geschlossene Gebilde, die im umfassenden Urlaubspaket die Inszenierung „Südtirols“ mitliefern.

Der Gast wohnt nun im „Chalet“. Er nutzt nicht nur die Wellnessoasen und die Kaminlounge, sondern genießt auch den chaleteigenen „Bauerngarten“ und kauft im fingierten „Bauernmarkt“ oder „Hofladen“ des Hotels ein. Die Kinder von Gästen erleben Hase und Zicklein im „Streichelzoo“, einer Stallsimulation, garantiert geruchfrei und klinisch sauber. Diese konstruierte bäuerliche Welt hat auch nichts von der Unordnung und intensiven Arbeitsumgebung eines echten Bauernhofs. Es ist eine kontrollierte Ländlichkeit, mit der der Tourist delektiert wird. Die gleiche Illusion von Nähe wird zur Bergwelt hergestellt, wenn man im von der Architektur in Panorama-Lage platzierten „Infinity Pool“ quasi in die Berggipfel hineinschwimmt – allerdings, ohne sich Tücken und Gefahren der echten Berge aussetzen zu müssen.

So ist der Gast heute fremder denn je. Es könnte uns egal sein – wenn diese Entwicklung nicht auch eine Gefahr bergen würde. Nämlich dass wir uns am Ende, Schritt für Schritt, uns selbst und unserem Land entfremden werden. Die vorgetäuschte Authentizität bildet eine Falle, in die wir selbst hinein tappen und oft genug nicht mehr heraus finden.

Einleitung zu unserem wunderbaren Heft “Am Limit. Overtourism. Al Limite”:  Overtourism overtourism

“Was ist Integration und wie viel verträgt Südtirol?”

Zivilcourage Magnani

… war die Frage eines Journalisten an diesem Julibeginn 2018, in dem Italien die Häfen schließt und Deutschland Flüchtende zurückweist. So habe ich geantwortet:

Integration (eingrenzend auf das Migrationsphänomen, denn man spricht ja auch im Hinblick auf Menschen mit Beeinträchtigung oder andere Gruppen mit spezifischen Lebenssituationen oder Bedürfnissen von Integration) würde ich definieren als wechselseitigen Prozess, in dem eine Gesellschaft MigrantInnen eingliedert bzw MigrantInnen aktiv für diese Eingliederung arbeiten.

Integration wird leider durch ideologische Verzerrungen politisiert, dabei ist ein pragmatischer Ansatz das einzig wirksame Mittel, um die entstehenden Probleme zu lösen und auch die Potenziale zu nutzen.

Die Diskussion darüber, ob und wie viel Integration geleistet werden soll, bremst den Integrationsprozess, in der fälschlichen Meinung, dass man Migration damit aufhalten könne. Es ist ein wenig wie die Bewegung für das Leben, die meint, wenn man nicht über Sex reden und aufklären würde, dann gäbe es keinen vorehelichen Geschlechtsverkehr.

Daher finde ich auch die Diskussion über das “Wie viel” ziemlich verfälschend, denn es geht um das “Wie”, darin sollten wir unsere Energien und Ressourcen investieren. Im Übrigen bewegen wir uns in Südtirol, was Menschen auf der Flucht betrifft, gerade einmal im 0,3%-Bereich.

Für eine Gesellschaft mit unserem BIP und unserem Wertehintergrund dürfte das leistbar sein.

Mir macht die Diskussion um die “Aufnahmefähigkeit” Angst. Schon einmal hat man in Europa genau darüber diskutiert – und am Ende stand dann der “Schutz des gesunden Volkskörpers”.

PS. Man hat mir geraten, im Wahlkampf zum Thema Migration und Flucht nicht Stellung zu nehmen. Clevere Kollegen machen dies auch so. ich habe beschlossen, dass ich diesem Rat nicht folgen werde. Es wäre das Schlimmste sich einmal sagen zu müssen, schau, damals, als es die Stimme zu erheben galt, hast du geschwiegen.

Die Talfer hinter der Mauer

carcere BZ

Ich war im Gefängnis. Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, mit meinen Fraktionskollegen und dem Anwalt Fabio Valcanover, der sich seit jahren für die Rechte von Gefängnisinsassen einsetzt, einen Lokalaugenschein in der Bozner Haftanstalt vorzunehmen. Es ist das Recht von Regionalratsabgeordneten, unangemeldet das Gefängnis aufzusuchen, um sich ein Bild zu machen.

Ich habe mir ein Bild gemacht. Viele Bilder.

Meine erste Assoziation: Es ist wirklich wie in einem Gefängnis. Aber nicht so, wie man das aus Filmen kennt, sondern eher so wie ich mir als Kind ein Gefängnis vorstellte. Also mit Gittern, die ein Wärter mit einem großen Schlüsselbund aufsperrt, mit Männern, die herumstehen, mit dunklen Gewölben, feuchten Mauern und mit hallenden Geräuschen.

Zweite Assoziation, als ich die Einzelzellen im Untergeschoss sehe: Es ist so ähnlich wie bei mir zu Hause der Heizraum: beengt, dunkel, abgefuckt. Unvorstellbar, dass jemand in so einem Raum Monate seines Lebens verbringen kann ohne durchzudrehen oder zu verschimmeln, wie meine Tochter sagen würde.

Die Direktorin Annarita Nuzzacci, eine resolute, schnelle, sympathische und sehr engagierte Frau, erklärt uns Abläufe und Organisation des Gefängnisses. 101 Insassen derzeit (damit ist man leicht unter der Kapazität von max. 105), alles Männer (die Frauen sitzen in Trient ein, sie machen insgesamt weltweit ca. 5% der Gefängnispopulation aus), viele sehr jung, 85% aus Nicht-EU-Ländern. Im Bozner Gefängnis sind Täter untergebracht, die Haftstrafen bis zu 5 Jahren absitzen müssen. Ein großes Manko ist das Fehlen von so genannten „Camere di sicurezza“ in allen Polizeistationen Südtirols, erklärt uns Nuzzacci. Dort, so ist es vom Gesetz vorgesehen, müssten all jene verweilen (bis zu 4 Tagen), die noch nicht laut einem richterlichen Beschluss im Gefängnis festgehalten werden. Weil diese Stätten fehlen, landet man in Südtirol direkt im Bozner Gefängnis. Die Direktorin spricht von ihrem Einsatz für Geldmittel, für mehr Personal. Es ist schwierig. Man wartet auf den neuen Bau in Bozen Süd, derweil vergammelt das alte Gefängnis mehr und mehr. Der Personalmangel ist besonders schwer wiegend, weil es insbesondere das pädagogische und begleitende Personal betrifft, allerdings fehlt es auch an Aufsichtspersonal.

Die Stimmung im Haus ist nicht unharmonisch. Aus dem chronischen Notstand hat man eine Tugend gemacht und es ist Solidarität unter den Menschen im Gefängnis spürbar.

„Il carcere si riconosce dal cortile“, sagt Nuzzacci, als sie uns in den Gefängnishof führt. Ein langer Asphaltstreifen mit einigen Steinbänken und einem Tischtennistisch. Vier Männer spielen gerade ein Doppel. Die Mauer ist gleich hoch wie der Streifen breit ist. Das einzig Schöne am Gefängnisbesuch ist das Rauschen der Talfer, das man hier deutlich vernimmt. Vier Stunden am Tag dürfen die Häftlinge im Hof verbringen.

Um 18 Uhr werden die Türen der Zellen geschlossen. Die Häftlinge sind dann hinter einer Gittertür eingesperrt. Die dicken Stahltüren mit Fensterguckloch bleiben in Bozen offen. In der lauen Frühsommerluft stelle ich die naive Frage: „Anche d’estate sono rinchiusi in cella alle 18?“ Frau Nuzzacci schaut mich entnervt an. „Che crede? Che d’estate possano stare fuori??“ Der Freigeist in mir, das Naturkind erstickt fast an dieser – logischen – Antwort. Ich stelle mir vor, wie lang die Abende sein müssen, wie stickig die Luft, wie zähflüssig die Zeit. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die Zellen noch gar nicht gesehen.

Die allermeisten Häftlinge sind in 6er-Zellen untergebracht. Bei Tag sind die Gittertüren offen, wir können eintreten. Es ist Ramadan, folglich fordert uns Frau Nuzzacci auf, einen kleinen Sprung über den kleinen Teppich zu machen, der im Eingang der Zelle liegt. Auf engstem Raum leben sie hier. 3 Stockbetten, 1 kleiner Tisch, 3 Stühle, eine halbhohe Abtrennung und dahinter WC und Waschbecken – eine Ecke, in der auch gekocht wird. 3 der Männer liegen zusammengekauert auf ihren Betten. Es ist 11 Uhr vormittags, aber es gibt nichts zu tun. Es ist der Augenblick, in dem ich erahne, was es bedeutet, hier drin zu landen. Ich dachte immer, wenn man eingesperrt ist, dann wird einem der Raum genommen. Aber hier merke ich, es ist die Zeit. Das Gefängnis ist ein Ort ohne Zeit. Denn eine Zeit ohne Sinn ist keine Zeit.

Es geht um die Zeit, sie wird einem genommen, im Gefängnis. Nicht umsonst wird das Strafmaß in Zeiteinheiten angegeben. Die Verzweiflung und die Leere, ich sehe sie in den Gesichtern der Männern, die auf ihrem Bett liegen und warten, dass der Tag vorbei geht. Die Emotion überkommt mich. Für mich als dauernd Überbeschäftigte ist dies die schlimmste Vorstellung überhaupt.

Es gibt natürlich Angebote. 2 der Männer arbeiten außerhalb des Gefängnisses, einige Arbeiten werden im Haus rotierend vergeben. Die begehrteste Arbeit ist jene in der Gefängnisküche. Die Direktorin sagt, die Küchenkräfte seien jene mit der geringsten Rezidivrate. Wer etwas lernt, hat am ehesten Chancen, draußen. Deshalb besuchen auch viele die Sprachkurse, oder sie holen die Mittelschulprüfung nach. Es gibt Alphabetisierungskurse und auch künstlerische Projekte.

Der Anteil der Drogenabhängigen und der Alkoholiker ist groß, über 60%. Viele Insassen haben keine gültige Aufenthaltsgenehmigung – auch das ist nicht ohne Ironie. In der ganzen Migrationsdebatte wird dieser Aspekt meist außen vor gelassen. Wer illegal ist, darf nicht arbeiten. Was bleibt ist der Weg in Kriminalität, Prostitution, Drogenhandel.

Das Gefängnis ist einer der Terminals des nicht gelösten Migrationsproblems, gut versteckt hinter dicken Mauern.

Frau Nuzzacci begleitet uns zum Ausgang, vorbei an den Räumen, in denen die Aufnahme stattfindet, am trostlosen und doch wieder netten Besuchszimmer, in dem die Kinder und Frauen der Häftlinge über eine Seitentür herein kommen, wenn sie ihre Familienangehörigen besuchen. Ich stelle mir vor, wie diese Begegnungen ablaufen.

Hinter uns schließen sich die Türen des Gefängnisses. Ich habe viel verstanden an diesem Vormittag. Etwa, dass es praktisch unmöglich ist, aus einer solchen Anstalt „gesünder“ heraus zu kommen als man nach einer Straftat hinein gegangen ist. Wer ins Gefängnis kommt, lässt einen Teil seines Lebens dort.

Der Weg zurück ins normale Leben, er führt durch Gitterstäbe und Stahltüren. Über die Mauer. Dort ist die Talfer, die fließt und nicht nur rauscht.

Wer pflegt – Nachlese zur EOS-Tagung am 24.05.2018 („Ist die Pflege weiblich?“)

BrieftascheFrauen putzen, Männer manchmal auch. (33 % der Südtiroler Männer macht keine Hausarbeit, 45% macht sie selten)

Frauen erziehen, Männer manchmal auch. (8 von 10 Arbeiten, die mit der Kinderbetreuung zu tun haben, werden in Südtirol von den Müttern erledigt)

Frauen pflegen, Männer manchmal auch. (84,2% der Pflegenden zu Hause sind in Südtirol Frauen)

Ein Thema, das uns immer öfter beschäftigen wird. Denn der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag, der die genannte „Arbeitsteilung“ festlegt, kommt zunehmend ins Wanken.

Weil Männer zunehmend Interesse daran haben, Zeit für ihre Kinder zu haben und dies als Gewinn für die eigene Lebensgestaltung sehen.
Weil Frauen zunehmend ihre Rechte einfordern.
Weil Männer und Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen, und somit neue Wege echter Arbeitsteilung gefunden werden müssen.

Wo sich die gesellschaftlichen Innovationen noch sehr zurückhalten, ist allerdings der Bereich der Pflege. Pflege, vor allem der älteren Familienmitglieder, ist fest in Frauenhand. Nur selten selbst gewählt, sondern wie selbstverständlich aufgebürdet, lastet die Pflege und Betreuung auf Frauen, oft in mittleren Jahren. Frauen, die vielleicht gerade erst ins Erwerbsleben zurückgekehrt sind und die sich ihre erst schon mageren Rentenaussichten durch lange Pflegezeiten weiter verbauen. Oder aber sie leisten die Pflegeschichten neben ihrer Erwerbs- und Familienarbeit – burnout- und erschöpfungsgefährdet wie kaum andere gesellschaftliche Gruppen.

Es wird sich etwas ändern müssen. Denn die Belastungen ungleich verteilen heißt auf lange Sicht Gleichgewichtsverlust und Notwendigkeit von Schadensbegrenzungen. Von manchmal tragischer Komik ist es, dass die Pflegearbeit der Frauen auch noch wenig geschätzt wird. Das Klischee, demnach die Gelegenheitsbesuche der Söhne einen höheren Stellenwert darstellen als die Daueraufopferung der Töchter, hat wohl einen Kern der Wahrheit.

Ein Erlebnis kann ich hierzu beisteuern. Als meine Mutter schon schwer demenzkrank war, musste sie wegen einer Operation ins Krankenhaus. Nach der Narkose war sie ungeheuer aufgekratzt und es war unmöglich, sie am Abend zum Einschlafen zu bringen. Wir Töchter wurden vom Krankenhaus angerufen und darum gebeten, sie in der Nacht zu betreuen, da das Personal dazu nicht imstande war. Ich habe die ganze Nacht mit ihr im Gitterbett verbracht, um sie am Ausbüchsen zu hindern. Immer wieder wollte sie die Gitterbarriere überwinden und ich musste sie mit aller Kraft festhalten. Körperlich und nervlich völlig am Ende verließ ich am Morgen das Krankenhaus, um zur Arbeit zu gehen. Mein älterer Bruder kam und löste mich ab. Später erzählte er mir, dass er die Mama gefragt habe, wie es ihr ging. Gut, meinte sie, sie würde nun gern nach Hause gehen. Sie habe eine gute Nacht verbracht. Er fragte sie, ob jemand bei ihr gewesen sei. „Ja“, antwortete sie freudig, „dein Bruder ist netterweise die ganze Nacht bei mir geblieben!“

So viel zum Wert der pflegenden Töchter. Ja, es wird sich etwas ändern müssen. Vielleicht können wir damit beginnen, die Pflegezeiten anzuerkennen, monetär und mit besseren Absicherungen für die pflegenden Familienmitglieder. Aber es geht auch um öffentliche Anerkennung einer immensen Leistung, die allzu oft im Verborgenen und Verdrängten erfolgt.

Dabei können wir genau an diesen Bereichen etwas Wesentliches ablesen – nämlich welcher Wert in einer Gemeinschaft der Würde und der Menschlichkeit beigemessen wird.