Bärentränen

bärin narkoseDie Bärin war los, in den letzten Wochen – und es gab eine öffentliche Diskussion. Sie hat mich in gewisser Weise gelähmt.

Dabei verfolge ich das Bärenthema schon seit Jahren. Nicht nur aus Tier- und Naturschutzgründen, sondern auch aus einer ganz persönlichen Erfahrung heraus, von der ich schon öfters berichtete.

Ich habe nämlich einen Bär gesehen, besser gesagt, eine Bärin. Sie ist uns vor wenigen Jahren in den Bergen Nordkroatiens mit ihren beiden Jungen über den Weg gelaufen und unsere gesamte Familie wird sich ewig an die Gefühle erinnern, die die Bärin bei uns ausgelöst hat: Freude über das Naturerlebnis, Respekt vor der Größe des Tiers, auch Angst, Ungewissheit, wie sich das Wildtier uns gegenüber verhalten würde. Passiert ist uns nichts. Nachdem sich die Bärin vor uns aufgebäumt hatte, ließ sie sich wieder nieder und alle drei trotteten mit ihrem wackelnden Pelzkleid in den Wald zurück.

Wir hätten nicht gewusst, wie wir uns richtig verhalten sollten. Dabei bin in einer Gegend aufgewachsen, in der es viele Schlangen, auch giftige, gibt, und wenn ich als Kind zum Spielen in den Wald ging, wiederholte meine Mutter immer die wichtigen Verhaltensregeln: Laut trampeln, sich nie auf einen Stein setzen ohne vorher hinauf geklopft zu haben, bei einem Biss sofort zum Arzt usw. In Kanada, so erzählten mir Freundinnen, liest man in jedem Zeltplatz die Verhaltensregeln zum Umgang mit Bären: Sich immer bemerkbar machen (anscheinend kriegt man eine kleine Glocke mit, um Bären zu warnen), keine Essensreste herum liegen lassen usw.

Nun gibt es auch bei uns hier Bären und Bärinnen.

Einige davon reißen Schafe und Pferde, andere richten sich vor Schwammelklaubern auf, wieder andere lassen sich einfach einmal blicken und verschwinden dann wieder.

Die Diskussion „Bär-oder-nicht-Bär“ entwickelt sich immer skurriler. Vor einigen Monaten wurde im Landtag unser Beschlussantrag versenkt, der eine Arbeitsgruppe zum Großraubwild (Bären, Wölfe, Luchse) einführen wollte. So was braucht man bei uns nicht. Allgemeines Kopfschütteln gegenüber uns weltfremden Grünen, auch in den Online-Medien.

Dann kamen Daniza und ihre Geschichte. Sie wurde erzählt als Geschichte einer Mutter, die ihre Kinder schützt. Plötzlich war der Pilzesucher, der Alarm geschlagen hatte, der Böse (ich las, dass er bedroht wird). Interessant, wie die Stimmung umschlug. Noch gar nicht lange vorher war die Öffentlichkeit geschlossen auf der Seite der Menschen gestanden, als in Ulten bekannt wurde, dass dort Kinder (menschliche Kinder) Angst vor den Bären hätten.

Es folgte die Geschichte der verfolgten Daniza, die den Förstern Mores lehrte und deren Flucht wir von unseren Fernsehsesseln und Bürostühlen aus mitverfolgten (also irgendwie verfolgten auch wir Daniza).

Nun diese absurde Tötung, die die gesamte Unzulänglichkeit der Verantwortungsträger aufzeigt. Aber die Geschichte, die erzählt wird, ist wieder eine andere. Nun ist eine Bärenmammi gestorben (ermordet worden) und Facebook quellt über vor süßen Bildern von ungestörtem Bärenmutterglück (wo wurden all diese süßen Bilder aufgenommen? In Zoos? Oder wurden da wild lebende Bärinnen belauert?).

Wer kann, schlägt Kapital draus. Grillo, den ich noch nie als Tierfreund wahrgenommen hatte, lanciert Hashtags, andere fordern Köpferollen (Menschenköpfe).

Irgendwie finde ich das alles ziemlich degeneriert. Mir würde es gefallen, dass wir den Anlass nutzten, um über Lebensräume zu reden. Darüber, dass wir kein Konzept haben, wie wir uns den Lebensraum mit den paar noch wild lebenden Tieren aufteilen.
Eine andere interessante Frage wäre die nach der Akzeptanz von Wildnis um uns. Ein Bär ordnet sich nicht in die erschlossenen und genau verteilten Räume Südtirols und des Trentino ein. Folglich muss er weg. Mögliche Gegenfrage: Müssten wir dann nicht überhaupt schärfer gegen Wildnis vorgehen? Und welchen Grad an Unvorhersehbarkeit erlauben wir den Tieren in unserer Umgebung? Sollten wir nicht auch Schlangen oder Bienen genauer kontrollieren oder „entnehmen“? Auch durch sie kommen jährlich Leute und Nutztiere zu Schaden.

Vor allem aber sollten wir uns die Frage nach unserer Ehrlichkeit stellen: Nacheinander erschüttern uns die Bilder von gerissenen Schafen, von verängstigten Kindern, dann aber auch von getöteten Bärenmüttern und verlassenen Bärenjungen, das alles emotional durchaus nachvollziehbar (ich spüre alle diese Erschütterungen ebenso in mir) – und für jede Erschütterung gibt es einen kollektiven Aufschrei, der uns wieder wegführt vom möglichen Entwerfen eines klugen, verantwortlichen, respektvollen Umgangs mit der Natur und ihren Bewohnern.

Ohne die wirtschaftliche Dimension und die Ängste der Bevölkerung zu bagatellisieren, finde ich, dass es hier um eine kulturelle Diskussion geht, um unser Verhältnis zur Natur (der wirklichen Natur, nicht der planbaren und „unterworfenen“ Natur) und um unsere Vormachtstellung darin. Und um das Bedürfnis von Kontrolle und Verfügungsmacht gegenüber einer alpinen Welt, die wir in den Hochglanzprospekten zwar noch gerne darzustellen versuchen, die uns in Wirklichkeit aber nicht mehr geheuer ist – und die wir auch in den Geschichten darüber fast schon gewaltsam anthropomorphisieren müssen, damit wir nicht die gesamte Zwiespältigkeit, die wir in Wahrheit in uns tragen, nicht spüren müssen.

In dieser ganzen Diskussion gab es am Ende nur mehr Jagende und Gejagte, ein banales „Bär oder Mensch“ (Abi Plangger), ein oberflächliches Wahr oder Falsch. Dabei hätte uns Daniza so viel beibringen können – über Bären, vor allem aber über uns selbst.

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