Wahlsonntag

WahlmontagHeut vor einem Jahr war Wahlsonntag. Ein Tag, schwebend zwischen Realität und Erwartung, zwischen Druck und Heiterkeit, ein Atemholen nach der verrückten, schönen, unendlich intensiven Wahlkampfzeit, eine Zeit der Nicht-Zeit. Wir hatten beschlossen, den Tag zusammen zu verbringen, die Jungen Grünen, das Wahlkampfteam und ich. Wir saßen hier bei mir in der Laube, es war ein schöner Herbstsonntag. Wir schlossen Wetten ab, wie denn der neue Landtag aussehen würde (ich weiß noch, dass ich total daneben gehaut hab). Wir spielten Karten („Lügen“!), wir aßen Kastanien, wir tranken Wein.

Ich erinner mich noch gut daran, wie komisch das Gefühl war, an diesem Tag (und am nächsten noch mehr). Als Spitzenkandidatin war ich für die Kampagne, die Wahlstrategie, letztlich Erfolg oder Misserfolg verantwortlich. Darüber hatte ich mir während des Wahlkampfs gar keine Gedanken gemacht. Alles war damals irgendwie Notprogramm. Zu spät dran, kein Geld, keine Ressourcen, da stellst du dir nicht die großen Fragen, sondern machst einfach.

Aber am Wahltag, da kamen sie doch, die Fragen. Würden wir es schaffen? Von 2 auf 3 Abgeordnete, das hieß eine Steigerung um 50%, ein gewaltiges Vorhaben. Es ging nur durch eine Teamleistung.
Die war unser Wahlkampf auch gewesen.  Alle hatten die Konkurrenzgedanken beiseite gelegt, übten Selbstdisziplin, rannten für die grüne Sache. Das klingt nach Aufopferung, in Wirklichkeit aber war alles auch ein Riesenspaß. Auf den Fotos von damals sehe ich mich leuchtend und strahlend und ich weiß auch noch, dass ich mich über einiges wunderte. Etwa, dass es mir so gefiel. Wahlkampf, das ist eine Auszeit vom normalen Leben. Man geht raus aus dem Büro und gibt sich – ich glaube auch, dass es mir deshalb so gefällt – einem regelrechten Vagabundendasein hin. Du bist, als Wahlkämpferin, unterwegs, redest mit unzähligen Menschen, hörst ihre Geschichten und Überlegungen. Was für ein Privileg! Was für ein großes Geschenk! Natürlich ist es anstrengend, natürlich ist es auch monoton, aber trotzdem: Dir werden die spannendsten Erzählungen zuteil – und du erhältst, unterwegs im Lande, ein herrliches, lehrreiches Feedback über dein Tun.

Am Wahltag ging ich dann irgendwie schlafen. Am Montag früh wurde dann ausgezählt. Ich startete von zu Hause aus, nachdem ich die ersten Ergebnisse gehört hatte. Schnals und Ritten oder so was. Grüne bei 2%. Ich bereitete mich auf das Kommentieren unserer Wahlniederlage vor. Es tat nicht wirklich weh, vielleicht auch, weil Politik ein so großes Spiel ist, dass es zum Teil über das Fassbare hinaus geht. Dann kam ich in Bozen an und wir standen auf 9%. Ich nahm Notfalltropfen. Sollten wir es wirklich geschafft haben? Lange glaubte ich es nicht, wollte mir auch nicht genehmigen, es zu glauben. Was mich besonders verwunderte: In dem Moment war meine eigene Kandidatur völlig ins Hintertreffen geraten. Als Spitzenkandidatin geht es dir, das hab ich an diesem Tag gelernt, erst in zweiter Linie um dich, zuerst musst du für die Liste den Erfolg schaffen. Ich bin durchaus ehrgeizig und erfolgsorientiert – und doch ging es mir in dem Moment nicht um mich, das hat mich verwundert und gefreut.

Denn Politik ist kein individuelles Projekt, sondern die Bündelung von Ideen, Zielsetzungen, Idealitäten, und sie lebt davon. Zugleich braucht sie aber auch Menschen, die dies alles übernehmen und sich in die Waagschale schmeißen. Wie mir ein Freund bei meiner Entscheidung zur Kandidatur sagte: Demokratie lebt von Menschen, die sich ins Spiel bringen (und sich damit aufs Spiel setzen). Heute vor einem Jahr hab ich das am eigenen Leib erlebt.

Immer noch bin ich voller Verwunderung darüber, dass wir das alles geschafft haben. Voller Verwunderung, Freude und Dankbarkeit, dass ich nun eine Zeitlang Volksvertreterin sein darf.

Ich hoffe, wünsche, dass ich diesem größten aller Aufträge in einer Demokratie gerecht werde. Es geht mir gut darin, ich fühle mich gut und glücklich, wissend, dass es eine geschenkte Zeit ist, die auf einem geschenkten Vertrauen fußt.

Es zu verdienen, ist nun meine tägliche Aufgabe, und es ist eine edle Aufgabe. Ganz abgesehen vom (verdient) schlechten Image, das PolitikerInnen derzeit haben, bin ich stolz auf meinen Auftrag.

Soweit die Gedanken zum ersten Jahr. Danke an alle, die es mir ermöglicht haben.

Annunci

Rispondi

Inserisci i tuoi dati qui sotto o clicca su un'icona per effettuare l'accesso:

Logo WordPress.com

Stai commentando usando il tuo account WordPress.com. Chiudi sessione / Modifica )

Foto Twitter

Stai commentando usando il tuo account Twitter. Chiudi sessione / Modifica )

Foto di Facebook

Stai commentando usando il tuo account Facebook. Chiudi sessione / Modifica )

Google+ photo

Stai commentando usando il tuo account Google+. Chiudi sessione / Modifica )

Connessione a %s...