An Moidls Grab

Moidl Gardasee5. Jänner 2015

Als Schneiderin legte unsere Mama ganz besonderen Wert auf das Knopfloch. Kunstvoll und in langer Kleinarbeit fertigte sie aus jedem Knopfloch ein kleines Meisterwerk. Sie wusste, dass der schönste Knopf aus einem eilig gefertigten Knopfloch nicht richtig lachen kann.

An edler Knopf braucht ein schians Bettl, sagte sie.

Sie liebte die Metapher, das schöne Wort. Moidl sammelte Wörter und Zitate, schrieb sie auf Zettelchen, Briefkuverts, in ihre vielen Büchlein. Sie legte lange Listen an von alten Wörtern aus dem Montaner Dialekt, Wörter in die sie hinein hörte, deren Klang sie regelrecht genoss. Sie lauschte den Wörtern und spielte mit ihnen.

Sie suchte die Schönheit im Wort.

Oh, wie viel konnte man lernen von ihr.

Dass die Welt voll Schönheiten ist und das Leben voll Glück. Aber dass nur das kleine Glück und die kleinen Schönheiten auf uns zugeschnitten sind (wie ein Kleid, das man eben zuschneidet, je nachdem wie viel Stoff da ist).

Deshalb liebte und suchte sie das kleine Schöne, das schlichte, einfache, manchmal auch verborgene Schöne.

Das Rotkehlchen war ihr lieber als der große Raubvogel,
das Vergissmeinnicht, der Himmelschlüssel oder der Ehrenpreis lieber als die Rose, (aber das könnte auch an den schönen Namen gelegen haben)
das kleine Marienlied lieber als die Symphonie,
der Aquamarin lieber als der Diamant.

Und so war es auch mit dem Glück. Nicht das große strebte sie an, das kleine war ihr genug.Das kleine Glück: daheim sein, Freundschaft erleben, nicht darben müssen, ein Kind wiegen, eine Katze schnurren hören, etwas Schönes kaufen können…

Du musst nur zufrieden sein, sagte sie.

Ja, und aus dieser Zufriedenheit, besser, dem Sich-zufrieden-geben, entsteht das Glück, das lehrte sie uns.
Es ist nie perfekt, so wie nichts und niemand vollkommen ist. Moidls Weisheit lag darin, dies anzunehmen und das Bestmögliche draus zu machen. Darin war sie eine wahre Meisterin.

Einmal, sie war schon lange krank, da half ich ihr an einem Sonntagmorgen beim Essen und es überkam mich die Rührung. Da fragte sie mich: Tuasch rearn? Lange schaute sie mich an und dann streichelte sie meine Hand und sagte: Nit rearn. Es nutzt nix.

Das würde sie uns vielleicht auch heute, am Tag des Abschieds von ihr, zuraunen.

Als sie früher von zu Hause vor uns weg ging, mahnte sie uns immer: Tiats die Liachter auslöschen und schaugs auf der Wirtschaft.

Liebe Mama, das Licht hast jetzt du selber ausgelöscht. Und wir schauen auf die Wirtschaft.

Du aber, bitte, schau weiterhin auf uns.

Rotkehlchen

 

 


Am Neujahrstag 2015 ist Mama Moidl, leichtfüßig wie sie gelebt hatte, aus dem Leben gegangen.

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One thought on “An Moidls Grab

  1. Danke für diesen beitrag über diese kleine, große frau. genauso könnte ich auch über meine mutter erzählen.und sie gehen und lassen so viele geschichten zum weinen und lächeln zurück und eine unendliche sehnsucht nach der mama.mein schmerz ist, ich konnte ihr nie meine kinder zeigen.der schmerz wird anders, die wehmut bleibt das lächeln kommt bei jedem gut genähtem knopfloch.eine umarmung.

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