Mitgemeint

Grüssgöttin abgeschlepptBeim Forum Alpbach letztes Jahr hielt Professor Obwexer einen Vortrag über die Rechtsgrundlagen der Europaregion Tirol. Als er vom Bedarf nach einer hauptamtlichen Führung sprach, forderte er einen Generalsekretär und einen Direktor. Lang und breit erklärte er den Bedarf an diesen Figuren, deren Aufgaben und Bedeutung. Immer in männlicher Form, as usual. Er muss wohl irgendwann das Murren im Saal gemerkt haben, denn auf einmal setzte er zu einer ausholenden Erklärung an. Es sei aus Zeitgründen gewesen, dass er immer männlich gesprochen hatte. Frauen seien natürlich immer mitgemeint. Das Murren im Saal ging in ein lautes Raunen über, die Blamage des Professor (der nachher an einem Podium mit 7 Männern und 1 Frau über die Zukunft der Euregio weiter diskutierte) unübersehbar.

Seit Jahren schon gibt es diesen Begriff des „Mitmeinens“, der mir erst in diesem Moment, in all seiner Tragweite bewusst wurde. Früher hatte ich diese Sensibilität nicht. In meiner Diplomarbeit vor 13 Jahren hatte ich mich auch dafür entschieden, nicht von der “Leserin” zu sprechen, sondern vom “Leser” (und dafür fügte ich auf der ersten Seite eine weitschweifige Erklärung an, die mir heute noch auf die Nerven geht).

Mitmeinen, das ist ein Begriff, den es laut Duden gar nicht gibt. Dies nur für alle, denen es jetzt schon in den Fingern juckt, mir zu antworten und die (neben dem Anprangern der feministischen Weltverschwörung) immer auch die deutsche Sprache retten wollen und sich den gendergerechten Verhunzungen wehrhaft entgegenstellen. Logisch gibt es ihn nicht. Denn was ist der Unterschied zwischen meinen und mitmeinen? Gemeint ist gemeint und ich kann nicht eine Meinung haben und eine Mitmeinung. Mitmeinen wurde als Wort vermutlich eigens für die Frauen erfunden. Man sagt damit im Subtext: Ich meine die Männer. Und die Frauen, die meine ich freundlicherweise mit. Welche Entwürdigung in diesem Subtext liegt, ging mir erst am jenem Sonntag in Alpbach so richtig auf.

Wir Frauen sind die Mehrheit der Weltbevölkerung. Wir haben die höheren Bildungsabschlüsse und die besseren Noten. Wir leisten zwei Drittel der weltweiten Arbeit. Wir gebären Kinder, leiten Unternehmen, erziehen Kinder, pflegen Eltern.

Wir haben das verdammte Recht darauf, gemeint zu werden, und nicht mitgemeint.

Und wenn jemand vom Direktor spricht, dann ist nicht eine Frau gemeint. Bei niemandem entsteht im Kopf das Bild einer Frau. Das entsteht erste, wenn das Wort Direktorin fällt. Kein Mann fühlt sich dann gemeint, auch nicht mitgemeint. Lidia Menapace sagte einmal, dass das Maskulinum als vorherrschendes Geschlecht von den Grammatikern des 15. Jahrhundert eingeführt wurde, weil sie das Männliche als „würdiger“ empfanden.

Das kann heute niemandes Sache sein. Die Zeit ist reif, endlich beide Geschlechter zu würdigen. Beginnend beim Meinen statt Mitmeinen.

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