Die Macht des Kommentators

briefmännchenLetzthin habe ich zur letzten möglichen Maßnahme gegriffen: Ich habe meinen eigenen Kommentar auf einer Online-Plattform als „unangemessen“ gemeldet und gebeten, ihn raus zu löschen. Damit verschwanden auch die diversen hämischen Antworten auf meinen Kommentar. Es ging um ein Frauenthema und es ist mir oft schon aufgefallen, dass Frauenkommentare und Frauenthemen unmittelbar besonders bösartige, untergriffige, unsachliche und frauenfeindliche Reaktionen im Netz auslösen.

Manchmal gibt es sachliche Kritik, oft überwiegt die undifferenzierte sexistische Generalaburteilung – übrigens meist quer durch die Lager. Frauenfeindlichkeit trifft uns alle, von links bis rechts, von jung bis mittelalt (ältere Frauen werden meist eher wie Männer beurteilt, so ist zumindest meine These, das Sexuelle scheint dann nicht mehr vordergründig zu sein und es gilt dann „nur“ mehr der allgemeine „Frauen-Malus“).

Wie gehen wir damit um?

Ich glaube, jede von uns hat Verteidigungsmechanismen entwickelt, um es auszuhalten. Nicht lesen ist das Einfachste. Leider vergibt frau sich dann auch die Chance, mögliche kritische Feedbacks für sich nutzbar zu machen, die im Meer von Hämepostings untergehen. Auf jeden Fall halten wir uns glaube ich unabgesprochen alle an die Devise, auf keine Fall auf anonyme Kommentarketten zu antworten. Ich habe einmal „Gorgias“, einen der erbittersten Frauenhasser in der Südtiroler Kommentarszene zu einem Live-Gespräch herausgefordert. Da hat er ziemlich schnell kalte Füße bekommen.

Mir hat sich da bestätigt, dass die Herren Anonymi nicht bereit sind, ihr Gesicht herzuhalten. Damit haben sie den Status von anonymen Briefen. Auch die lernen wir frühzeitig, nicht ganz an uns heranzulassen.

Soweit zur persönlichen Defensivstrategie.

Es ist ein Frauenthema, aber das ist es nur am Rande. AdressatInnen sind auch Menschen auf der Flucht oder mit nicht-weißer Hautfarbe, Nicht-Heterosexuelle, Nicht-Deutschsprachige, Nicht-SüdtirolerInnen, etc. Sie zu schützen vor dieser Form von Beleidigung, Belästigung, ja auch Gewalt, muss gesellschaftliches Anliegen sein.

Zur rechtlichen Regulierung stehe ich andererseits eher kritisch. Ich bin für die Verantwortung der HerausgeberInnen und wünsche mir eine seriöse Moderation der Foren. Dies müsste eigentlich im ureigensten Interesse der Herausgeber selber sein. Denn ich beobachte, dass die Debatte ansonsten schnell verarmt. In Südtirol deutlich sichtbar etwa an Salto oder Tageszeitung Online. Die wenigen Frauen sind alle verstummt, einige Immerschreiber (ich frage mich immer: Haben die sonst nichts zu tun? Müssen die nie die Kinder von der Musikschule abholen, die Wohnung putzen oder auch nur einer Erwerbsarbeit nachgehen?) bleiben immer mehr unter sich, entwickeln ihren eigenen Slang, der neue MitschreiberInnen wiederum ausschließt, manchmal auch abstößt. Sie beobachten sich untereinander, beschimpfen sich gegenseitig, konstruieren ihre eigene, oft ziemlich uninteressante Welt.

Die anderen schweigen, ziehen sich zurück, die Meinungslandschaft wird monotoner und verliert an Originalität. Es könnte uns egal sein, wenn es nicht erwiesen wäre, dass die Meinungsbildung mehr über das Kommentarelesen erfolgt als über das Artikellesen. Das macht die Onlinekommentare jenseits der Befindlichkeiten gesellschaftlich relevant.

Denn wir möchten ja echte Meinungsfreiheit und –vielfalt, dies war und ist auch das Ziel der Portale. Allerdings beweist sich in der Onlinewelt in aller Deutlichkeit genau das, was wir aus den Zeiten der un- oder schlecht moderierten Podiumsdiskussionen schon kennen:

Wenn alle frei sind, immer alles zu sagen, dann sagen am Ende nur mehr wenige immer dasselbe.

Und wenn niemand darauf achtet, dass die Schwächeren gleichermaßen zu Wort kommen und die Stärkeren eingebremst werden, dann gilt einfach das alte Recht des Stärkeren, das am Ende zu steriler Pseudoliberalität führt – und umgekehrt.

Es ist letztlich eine Machtfrage. Umverteilung, Ausgleich, Respekt, neues Denken tun not. Im reellen Leben – und im virtuellen auch.

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