Geschlechtergerechtigkeit – Manifest für eine neue Strategie

Gemeinsam Füße.jpgSeit vielen Jahren setzen wir uns für mehr Geschlechtergerechtigkeit ein. Vor uns hatte sich die Generation der Mütter und Schwestern den Weg gewählt, sich selber zu und die gemeinsame Weiblichkeit zu entdecken und aufzuwerten. Sie schufen sich Freiräume, ihre eigenen Welten und Handlungsradien. Sie grenzten sich auch ab von einer Männerwelt, die sie nicht als die ihre empfanden. Diese Frauen haben Großartiges geleistet für uns Nachgeborene. Sie haben den Geschlechterdiskurs aufgeworfen, in Gesellschaften, die davon nichts hören wollte und von einer Veränderung noch sehr viel weniger.

Aufbauend auf diese ersten Vorstöße versuchten wir in einer nachfolgenden Welle, diese Männerwelt zu durchdringen. Mit Quotenregelungen, gesetzlichen Maßnahmen, Ausbau der Unterstützungsmaßnahmen, Coachings und durch kollektive Selbstausbeutung nie dagewesenen Ausmaßes schafften wir es, wichtige Posten in der Männerwelt einzunehmen. Oft sind wir ganz allein oder mit wenigen anderen Frauen in diesen Schlüsselpositionen eines Systems, das wir immer noch nicht als das unsere wahrnehmen. Wir können dort Einiges erreichen. Wir versuchen, von Innen heraus das System zu verbessern. Wir strengen uns an, anderen Frauen den Weg zu ebnen. Mit kleinen Schritten müssen wir uns oft begnügen, meist auf dünnem Eis und immer argwöhnisch beobachtet vom männlichen Establishment, das uns nur unwillig den Platz lässt. Nur in Ausnahmesituationen und meistens, wenn den Herren selber die Ideen ausgegangen sind, werden unsere „spezifisch weiblichen“ Kompetenzen gesucht und gewürdigt. Wir alle könnten Romane schreiben darüber, wie schwer es ist, voran zu kommen, wie ungleich mehr wir uns als Frauen anstrengen müssen, wie oft uns unsere Ideen geraubt werden, wie weh es tut, wenn sich Männer auf unsere Kosten profilieren oder uns lässig vorgehen.

Wir müssen auch anerkennend sagen, dass wir ebenfalls etwas bewegt haben. Heutzutage blicken junge Frauen wesentlich selbstbewusster auf ihre Zukunft und ihren Platz in der Gesellschaft. Viele von ihnen können mit Feminismus nichts anfangen. Junge Väter sind viel eher bereit als es noch ihre eigenen Väter waren, echte Verantwortung für die Kinder zu übernehmen. Sie erleben das oft als großen Gewinn. Daneben zeigen wir Frauen, weiterhin vielfachbelastet, mit Beruf, Familie, Pflege, Ehrenamt, kulturellen und sportlichen Aktivitäten, wie fähig wir sein können.

Die Antwort des Patriarchats auf unsere energischen Reformversuche zeigt, dass die Männermehrheit nicht gerade angetan ist davon. Es überwiegt der Zorn. Er ist in jedem Onlineforum nachzulesen und an jedem Stammtischgespräch nachzuhören. Männer machen es sich leicht. Frauen, Emanzen, Kampffeministinnen dienen als Sündenbock für sämtlichen gesellschaftlichen Veränderungen, mit denen mann nicht umgehen kann oder die er ganz einfach nicht will.

Doch auch wenn es immer anders dargestellt wird: Nicht der Feminismus und seine Ansprüche auf eine Neuverteilung der Macht haben dies ausgelöst. Durch die Frauenbewegung haben wir Frauen uns selbst wahrgenommen. So haben wir den Männern das Andere gezeigt und sie haben sich selbst erkannt. DAS ist es, was sie uns nicht verzeihen können.

Denn sie müssen nun erkennen: Das Patriarchat mit seinem starren Herrschaftssystem hat auch die Männer unglücklich gemacht. Die Beziehungsnetze, die uns urgründlich am Leben verankern, sind weiterhin horizontal von Frauen gespannt. Darüber türmt sich das patriarchale Machtsystem auf, Glanzpositionen für die Starken bietend und unbarmherzig mit den Verlierern. Nicht umsonst ist das Gros der Suizidanten, der Süchtigen, der jung Sterbenden, der Prostitutions- und Pornokonsumenten männlich: Es ist der männliche Verliereranteil des Patriarchats.

Fazit 1: Nicht nur die Frauen sind die Opfer des Patriarchats, sondern auch ein großer Teil der Männer.

Fazit 2: Die Männer beginnen diese Wahrheit zu ahnen. Anstatt aber das Patriarchat selbst in Frage zu stellen, wird die Schuld den Frauen und ihren Emanzipationsbestrebungen zugewiesen.

Fazit 3. Wenn wir das banale Defensivverhalten der Männer analysieren, können wir nicht umhin, hinter der Maske der Arroganz und Misogynie ein zutiefst verunsichertes Geschlecht zu erkennen.

Was nun also tun? Müssen wir uns nun auch noch der Probleme der Männer annehmen? Neben unserer Vielfachbelastung und während uns die Herren in den Führungsetagen auf dem Kopf herum trampeln, uns auch noch um die armen männlichen Verlierer des Patriarchats kümmern?

Nein, dazu werden viele von uns zu Recht nicht bereit sein. Andererseits wollen wir auch nicht, dass der Graben zwischen den Geschlechtern größer und größer wird, dass die Schuldzuweisungen zunehmen und der Feminismus in einem monokausalen Begründungsmodell für die ganze Misere der Männer herhalten muss. Wir riskieren uns totzulaufen und womöglich ziehen wir uns am Ende erschöpft in die Privatsphäre zurück.

Am Schmieden eines Bündnisses mit Männern wird daher kein Weg vorbei führen. Folgende Fragen stellen sich uns unausweichlich: Sollten wir, gerade jetzt, vermehrt auf das Verständnis von Männern für Frauen (und durchaus auch umgekehrt!) setzen? Initiativen wie „he for she“ sind schon auf dem Weg. Sollten wir die Männer dazu bringen, sich selbst aus dem eingefahrenen Kontext zu lösen, sich selbst in aller Ehrlichkeit zu erkennen, damit sie auch uns erkennen? Können wir das partnerschaftliche Prinzip der Co-Verantwortung für die Welt stärken, indem wir es attraktiv für beide Geschlechter machen? Ausgehen können wir vielleicht von jenen Männern, die aus Liebe (wie ungewohnt, dieses Wort in so einem Text, ich schreibe es nur mit Mühe!) für ihre Partnerinnen oder aus ganz anderen Gründen und mit anderen Zielsetzungen bereit sind, das gewohnte Script zu verlassen und neue Wege zu gehen.

Es ist dies kein Ersatz für die Strategie, die wir bisher gefahren haben, sondern ein Zusatzprogramm. Es braucht weiterhin unseren Einsatz für die Quote, für gerechten Lohn, für die Aufteilung der Familienarbeit, für die Anerkennung des Frauenbildes in der Gesellschaft. Daneben können wir den derzeitigen Moment der Krise (der wirtschaftlichen Krise und der männlichen Identitätskrise) für Veränderung nutzen. Greifen wir jedes männliche Zweifeln, jede noch so winzige Äußerung von Skepsis gegenüber dem überlieferten Modell auf, um neue Denkprozesse zu implementieren! Setzen wir Botschafter ein, die den anderen Männern, mit männlichen Argumentationslinien und männlichen Kommunikationsstrategien, die Problematik erklären (ich glaube, es braucht regelrechte Aufklärung, wenn nicht Alphabetisierung, da bisher allgemein die Schotten dicht gemacht wurden und es kaum Männer gibt, die überhaupt VERSTEHEN, worum es uns geht)!

Das Zauberwort könnte „Solidarität“ heißen und damit könnten wir gerade auch sozialpolitisch engagierte oder christlich empfindende Männer für unser Anliegen gewinnen.

Allerdings, Achtung! Es ist ein wenig wie beim Abgeben der Erziehungs- und Hausarbeit: Dies heißt auch Kontrolle abzugeben. Dazu müssen wir bereit sein. Und wir müssen aushalten, wenn die Männer wieder jene sind, die im Mittelpunkt stehen, die den Diskurs an sich reißen, die das Lob abbekommen. Ja, wir werden sogar bereit sein müssen, dieses Lob immer wieder auszusprechen, zu bestärken, zu unterstützen (während wir dann wieder die sind, die das alles NICHT bekommen…).

Wenn am Ende aber ein gemeinsamer Diskurs steht, den wir als gesellschaftliche Strömung und nicht nur als Frauen mittragen, dann haben wir mehr gewonnen als wir vielleicht an Deutungshochheit verlieren. Zugleich entsteht vielleicht auch endlich unter den Männern die Einsicht, dass sie nicht nur Machtpositionen freigeben müssen, sondern tatsächlich selbst ein Stück weit aus der Einseitigkeit und Einfältigkeit und Einsamkeit des männlichen „Standard-Seins“ herausfinden.

Somit würde die Befreiung der Frauen vom patriarchalen Dominat endlich auch eine Befreiung der Männer. Und eine neue Gesellschaftsordnung würde zumindest denkbar(er) werden.

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