und wieder Toponomastik…

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Nach vielen Versuchen will man es nun mit einer paritätischen Kommission versuchen, die eine Liste der gebräuchlichen Südtiroler Ortsnamen zusammenstellen soll.

Ich finde die Idee an sich plausibel, könnte ihr aus rein pragmatischen Gründen auch zustimmen, sofern einige Garantien zur ausgeglichenen Handhabe gegeben werden.

Trotzdem verbleiben einige Grundzweifel an der Operation. Ich möchte sie kurz zusammenfassen.

Was ist das Ziel?

Während das eigentliche vordringliche Ziel jeden Vorstoßes in Sachen Toponomastik jenes sein müsste, die deutschen Ortsnamen zu veramtlichen (was ja eine ungeheuerliche historische Nachlässigkeit endlich beheben würde), hat sich das Ziel schon seit Langem insgeheim verschoben. Ziel ist nun, so viele Tolomei-Namen wie möglich auszulöschen. Damit soll den patriotischen Kräften, die seit Jahren zunehmend Druck machen, entgegengewirkt werden.

Ist das aber auch nützlich und sinnvoll?

Die Argumentation der deutschsprachigen Rechtsparteien fußt auf der historischen Ungerechtigkeit der Tolomei-Namen. Damit haben sie recht. Die Erfindung der italienischen Ortsnamen war Teil des klassischen imperialistisch-autoritären Repertoires, das immer und überall umgesetzt wird, wenn Völker unterworfen werden (sollen). Beherrschung zeigt sich auch und allererst in der Sprache. Das haben die Tolomei-Namen mit der männlich dominierten Sprache ebenso gemeinsam wie die Vorherrschaft des Englischen im Wirtschafts- und IT-Sektor. In diesem Sinne sind die Südtirolerinnen und Südtiroler Teil der Weltgeschichte, die sie selber im Übrigen wahrscheinlich an anderer Stelle identisch weitergeschrieben hätten: Wäre es etwas geworden aus dem „geschlossenen Siedlungsraum“ in Burgund, in Galizien, auf der Krim, wohin die Südtiroler Optanten hätten umgesiedelt werden sollen, dann hätten wohl auch die SüdtirolerInnen gar nicht lange damit zugewartet, die dortigen Ortsnamen einzudeutschen oder ihre eigenen Namen den anderen aufzupropfen.

Die Linguistik kennt diese Beispiele zur Genüge.

Wenngleich die Südtiroler Patrioten seit Langem und auch mit einigem Erfolg versuchen, die deutschen Ortsnamen allesamt als „historisch gewachsen“ von den italienischen „Kunstnamen“ zu differenzieren, so ist es doch Fakt, dass die Sprachgeschichte voll ist von Beispielen der zwanghaften Namensgebung, von Einzelpersonen über Bezeichnungen von Gegenständen bis hin zur Orts- oder Straßennamensgebung. Auch in Südtirol kennen wir Beispiele hierzu. Germanische und katholische Namen haben sich auf bestehende rätische Namen aufgelagert. Damit sind wir nicht allein. Die Welt ist voller Namen, die von Geschichtsgewinnern, Eroberern und Unterwerfern hinterlassen wurden. In Süditalien verbleiben langobardische Ortsnamen ebenso wie die spanischen in Südamerika oder die französischen in Kanada, gar nicht zu reden vom afrikanischen Kontinent, der seit Jahrhunderten neben der wirtschaftlichen und politischen auch der sprachlichen Dominanz ausgesetzt ist, was erst in den letzten Jahren durch die postkolonialen Studien langsam in seiner gesamten kulturellen Dimension aufgerollt wird. Die Praxis des Sprachimperialismus ist ebenso banal wie verwerflich, daran wollen wir gar keinen Zweifel lassen.

Was also tun?

Fassen wir zusammen. Historisches Unrecht wurde begangen. Heute gibt es in Südtirol eine große Vielfalt an deutschen Ortsnamen, die nicht amtlich sind. Daneben gibt es eine kleine Menge an italienischen Ortsnamen, die von Tolomei übersetzt wurden und die zum Teil von den im Lande lebenden ItalienerInnen benutzt werden. Ein Teil dieser Namen wird auch für die Kartographie verwendet, die Namen scheinen in Satellitenleitsystemen und in Reiseführern auf, sie stehen auf Wanderkarten und folgerichtigerweise auf Wanderschildern. Wenn wir davon ausgehen, dass das historische Unrecht gegenüber der deutschen Sprachgruppe wieder gut gemacht werden soll, dann müssen alle Tolomei-Namen verschwinden. Ein großer Eingriff, wie ich finde. Aus praktischen Gründen sehr problematisch (was hieße das für die Kartographie? Wie würde das umgesetzt? Bestünden überhaupt politische Spielräume hierfür?), vor allem aber aus Gründen des Zusammenlebens (wie wäre das für die ItalienerInnen in Südtirol? Hat das auch Auswirkungen auf ihr Heimat- und Zugehörigkeitsgefühl? Entstehen neue Benachteiligungen? Müssen die jetzt lebenden ItalienerInnen in Südtirol ein schlechtes Gewissen haben für ihre Vorfahren?).

Auch bei einer sehr oberflächlichen Betrachtung dieser Fragestellung werden wir sehen, dass eine „sprachliche“ Wiedergutmachung sehr schwierig ist.

Bei allen Versuchen der letzten Jahre trachtete man also (verständlicherweise) danach, dieses Grundthema zu umgehen. So versuchte man, die Aufmerksamkeit auf Nebenaspekte zu lenken, etwa auf die Unterscheidung zwischen Makro- und Mikrotoponomastik oder das Kriterium der Gebräuchlichkeit. Das alles waren Vorwände, um ein paar der Tolomei-Namen streichen zu können und so dem patriotischen Hunger nach Gerechtigkeit ein wenig nachzugeben. So nachvollziehbar diese Versuche auch sind, so sollte man bedenken, dass dieser Hunger mit einer kleineren oder größeren Beschneidung des Tolomei-Corpus niemals gestillt werden wird. Viele Namen werden bleiben und stets als mahnende Zeichen des “Versagens” der Volkspartei willkommenes Beweismaterial für die Vorwürfe der Rechtsparteien liefern.

Wagen wir einen unbefangenen Blick auf das Thema.

Wenn man versucht, die gesamte Thematik Außenstehenden zu erklären, so kommt man irgendwann immer zum Punkt, wo es um „die Liste“ geht. Eine Kommission wird also in Südtirol daran arbeiten, eine Liste der Ortsnamen zu erstellen, die gebräuchlich sind. Was aus wissenschaftlicher Sicht noch Sinn machen könnte (die Erhebung aller Ortsnamen), ist durch die politische Zielsetzung ver-rückt und so wird die „Liste“, wie oft in der Geschichte, zum Machtinstrument. Aufnahme in die Liste heißt Annahme. Wer die Liste erstellt, hat Macht über die aufzunehmende Materie. Nicht umsonst wird derzeit heftig gestritten über die Besetzung, die Mehrheiten und Minderheiten und die Abstimmungsmodalitäten in der Kommission. Am Ende wird es eine Liste geben, der amtlichen deutschen Namen (viele) und der amtlichen italienischen Namen (wenige). Die ItalienerInnen werden dies als Demütigung erleben, die Deutschen werden großteils unzufrieden sein. Von der Lösung des Problems werden wir weiter entfernt sein als heute. Das kann nicht Sinn der Sache sein.

Gibt es unkonventionelle Herangehensweisen?

Man könnte sie suchen. Zum Beispiel könnte man nicht von einer Liste ausgehen, sondern von einer Karte – etwa festlegen, dass auf einer bestimmten Skala (z.B. 1:25.000) Zweinamigkeit herrschen muss, in der größeren Skala ist dies nicht mehr notwendig. Ein älterer grüner Vorschlag sah vor, zwischen öffentlicher (zweisprachiger) und privater (auch einsprachiger) Toponomastik zu unterscheiden. Aber auch damit wird der Grundkonflikt nicht gelöst. Wir müssen uns also genau diesem Grundkonflikt zuwenden (denn man weiß, Störungen haben Vorrang) und ein kulturelles Befriedungskonzept erarbeiten – im Wissen, dass jede Sprachgruppe Verständnis- und Kompromissbereitschaft aufbringen wird müssen. Man könnte daran ansetzen, dass man ein gemeinsames Problem hat. Die ItalienerInnen im Lande müssen die Geschichte der Namen kennen und wissen, welchem Geist sie entsprungen sind. Im Gegenzug müssen die Deutschen auch eine Art geschichtliche Vergebung zulassen. Auf der Grundlage des Wissens um das Wissen der anderen kann das möglich werden.

Ein praktischer Vorschlag zum Schluss:

Anstatt mit Ausweichmanövern dieses destruktive und mühsame Ringen weiterzuschreiben, stellen wir ab nun drei Aktionsrichtungen in den Mittelpunkt:

  1. Die Amtlichmachung der deutschen Ortsnamen wird offensiv angegangen und mit Landesgesetz geregelt.
  2. Den Tolomei-Namen wird zum 100-jährigen Bestehen die Verjährung zugestanden, sie werden jedoch zum bewussten und sichtbaren Teil unserer Geschichte gemacht, im Sinne einer neuen Ära von „Wahrheit und Versöhnung“.
  3. Die Historisierung der Tolomeinamen wird wissenschaftlich und pädagogisch konzeptualisiert, eine fundierte Sensibilisierungsarbeit über die Herkunftsgeschichte der Südtiroler Ortsnamen innerhalb beider Sprachgruppen wird eingeleitet.

Was nach wenig klingt, ist in Wirklichkeit ein weitreichender Reformvorschlag einer Materie, die für unser Zusammenleben eine dauernde Überforderung darstellt. Solange wir uns das nicht eingestehen und weiter mit Machtüberlegungen und Schuldzuweisungen agieren, solange wird es nicht nur keine Lösung geben, sondern Nährboden für weitere politische Instrumentalisierungen bieten. Fruchtbares Terrain leider für jene, die nur dann zu Gewinnern werden, wenn die jeweils anderen verlieren.

Gerade unser Land, das aus solchen bösen Spielen nur Leid erfahren hat, könnte hingegen beweisen, dass ein Lernen aus der Geschichte doch möglich ist und dass genau darauf bauend eine neue Geschichte, jene des guten Zusammenlebens, tatsächlich irgendwann erfindbar ist.

 

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