Die neue Rechte, der ländliche Raum und wir Grünen

Grüne BW ländlicher raumBei der 2. Transnationalen Alpentagung wurde kürzlich das Thema der Rechtsparteien und deren Vor- bzw. Durchmarsch in den Landgemeinden diskutiert. Gegenstand der Debatte waren u.a. die Bundespräsidentschaftswahlen in Österreich, wo bei der ersten Wahl in den Gemeinden unter 3.000 EW Norbert Hofer teils 80% der Stimmen erringen hatte können. Dahingegen hat Van der Bellen bekanntlich durch die urbane Wählerschaft die Wahl für sich entschieden. Aber auch in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich etc. etablieren sich weiterhin Rechtsparteien, die insbesondere im ländlichen Raum gewählt werden. Spezifisch für Frankreich ergaben Studien, dass Marine Le Pen hauptsächlich dort gewählt wurde, wo der Raum am meisten parzellisiert ist, also in periurbanen Gegenden, in denen sich das Gemeinschaftsgefüge großteils aufgelöst hat.

Damit ist die große Angst vor Vereinsamung und Abgrenzung die Kehrseite der Indiviualisierung, und auch sie führt nach Rechts.

Die Überlegungen sind für uns in Südtirol wichtig, weil wir uns ja fast gänzlich (mit Ausnahme Bozens, das nicht umsonst vielfach als „Fremdkörper“ in Südtirol empfunden wird) als ländlichen Raum wahrnehmen – wenn das auch nur teileweise stimmt, so ist die kollektive Wahrnehmung doch sehr von Südtirol als ländlichem Raum dominiert.

Rechtspopulisten haben laut der Publizistin Liane Bednarz zwei wesentliche Merkmale: Erstens das Auftreten durch markige Sprüche und Vereinfachung und zweitens durch den moralischen Alleinvertretungsanspruch („nur wir vertreten das echte Volk“) und Verachtung gegenüber den anderen Parteien.

Die neue Rechte fußt auf Ethno-Pluralismus: In Abgrenzung von den Rechtsextremen, die verfassungsfeindlich auftreten und völkische Überlegenheit in den Mittelpunkt stellen, sagen die neuen Rechten, dass prinzipiell alle Kulturen gleichwertig sind. Abgelehnt wird aber die „Mischung“ der Kulturen, das „Multikulti“, die „Überfremdung“. Der Aufbau von Angst vor diesen Trends angesichts von Flucht und Migration funktioniert besonders gut in jenen Gegenden, in denen es kaum echten und direkten Kontakt mit „dem Fremden“ gibt. Dort ist man für die rechten Botschaften besonders empfänglich, und gerade das wird von den Rechtspopulisten genutzt.

Daneben arbeiten Rechtspopulisten noch mit einem weiteren Feindbild, nämlich „den Eliten“. Hofer betonte Van der Bellens Verortung „in der Schickeria“ bei jeder Gelegenheit. Denselben Diskurs führt in Italien sehr erfolgreich die 5*Bewegung. Aber auch in Südtirol gibt es immer wieder Abgrenzungsversuche vom „politischen Establishment“, von „den Parteien“ seitens einzelner PolitikerInnen oder politischen Bewegungen, die in diesem Sinne antielitär auftreten – bis sie selber der Identifikation mit dem System erliegen. Chi di moralismo ferisce, spesso di moralismo perisce.

Eine Überlegung für uns Grüne muss sein, dass gar einige klassische „grüne“ Themen von den Rechten übernommen werden: Naturschutz, Schutz der Heimat, Tierschutz sind etwa jene Inhalte, die einst von der konservativeren Flanke innerhalb der Grünen besetzt wurden, und zum Teil jetzt von Rechtsparteien vertreten werden. Und mit den Themen sind auch ehemalige Grün-WählerInnen abgewandert. Andererseits vertragen es die Rechtspopulisten gar nicht, wenn Linke in ihre Gefilde eindringen. Als etwa Van der Bellen vor der Wiederholung der Wahl offensiv das Heimat-Thema spielte, goutierte das sein Gegner ganz und gar nicht.

Schließlich nutzen Rechtspopulisten ein weiteres, historisch vorverdautes Feindbild: die „Stadt“. Wie zu den übelsten Zeiten des vorigen Jahrhunderts wird die Stadt heute wieder gern als Gomorrha gelesen, als Ort der Verwirrung und der Vermischung, als Stätte der Entheimatung und Entwurzelung, wo das Fremde eindringt und Identität verloren geht. Gegenüber der kaleidoskopischen und komplexen Wirklichkeit der urbanen Gesellschaft kann die „Einfachheit“ und „Sicherheit“ des ländlichen Raums gespielt werden… samt der Notwendigkeit, ihn vor dem Eindringen des „Fremden“ zu schützen. Dafür nun wiederum bieten sich Rechtspopulisten geradezu an und dass sie auf dem Land, in den Tälern Gehör finden, beweist ihre Verwurzelung und Vertretung in den kleineren Ortschaften.

Da haben wir Grüne einen Weg vor uns. Mit Natur- und Heimatschutzthemen und unserem ehrlichen Engagement können wir weit über die Städte hinaus punkten. Und die Zuschreibung von exklusiver Urbanität und Elitenvertretung bleibt eine Falle, in die wir nicht tappen dürfen, auch wenn wir in den Städten vielleicht unmittelbarer verstanden werden.

Es ist eigentlich eine schöne Aufgabe. Schließlich ist das radikal Andere an uns Grünen genau der Ansatz, immer wieder Gegensätze in Verbindung zu bringen. So sollten wir vermehrt kommunizieren, wem wir Heimat bieten können: den naturliebenden DorbewohnerInnen ebenso wie den aufmerksamen StädterInnen (und umgekehrt).

Offenes Denken hält schließlich nicht vor dem Ortsschild statt.

 

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