Selbstjustiz frisst Solidarität auf

 

fische in gläsernIn diesen Tagen des Coronavirus ist die Welt anders. Eine Episode lässt mich aufhorchen.

Der Bürgermeister von St. Lorenzen prangert auf facebook Jugendliche seiner Gemeinde an, die sich unrechtmäßig getroffen haben. Als Bürgermeister fordert er die Jugendlichen, “die er kennt”, auf, sich innerhalb einer bestimmten Frist zu entschuldigen und Dienste für die Allgemeinheit zu leisten, ansonsten gebe es Konsequenzen.

Mich stimmt das sehr nachdenklich.

Wir sind momentan in einer sehr delikaten Situation und es besteht die Gefahr, dass soziale Gleichgewichte kippen. Diesen Augenblick versuche ich zu verstehen.

Wir sind nämlich nun alle aufeinander angewiesen. Darauf, dass sich alle solidarisch und verantwortungsbewusst verhalten. Es braucht Zusammenhalt, und es braucht zugleich Distanz. Das ist an sich ein Widerspruch und lässt viele von uns eine nie gekannte Zerrissenheit spüren.

Die politisch Verantwortlichen haben die Distanz in den Vordergrund gerückt, um die Ansteckungen einzudämmen. Das ist richtig. Je stärker dies aber autoritär durchgesetzt wird (das ist mit ein Grund, warum wir die Demokratie nicht aussetzen dürfen!), desto spröder kann auch der soziale Zusammenhalt werden.

Wir sehen hierzu erste Anzeichen.
Es gibt Episoden von Selbstjustiz. Die Rollen werden verwechselt. Bürger spielen Polizei, Bürgermeister spielen Richter. Die Gewaltenteilung wird, auch im Kleinsten, ausgesetzt.
Menschen beginnen einander zu überwachen. Erste Signale einer Verdächtigungsgesellschaft werden sichtbar. Ich habe mir vorgenommen, das #LuziferPrinzip von Philip #Zimbardo noch einmal zu lesen. Es sind vielleicht genau die richtigen Zeiten, um sich die Entstehung (und die Möglichkeiten der Durchbrechung) von autoritären Gesellschaftsmechanismen zu vergegenwärtigen.

Denn das Problem, so sagt mir der Moraltheologe Martin M. Lintner im Gespräch, ist, dass die Solidarität bricht, wenn die Grenzen der Verantwortung nicht mehr klar sind.

Wenn die oder der Einzelne vergisst, dass er oder sie für das Ganze verantwortlich ist, und nicht der Nachbar. Es geht deshalb darum, sich nicht zum Wächter über die Verantwortung des andren aufzuspielen, sondern die eigene Verantwortung ernst zu nehmen.
Deshalb macht mir das An-den-Pranger-Stellen so Angst. Weil es letztlich nur dazu führt, den Blick weg von sich selbst zu lenken. Wenn ich selbstzufrieden kopfschüttelnd auf die Regelbrecher zeige, muss ich mich nicht mit meinen eigenen Impulsen und Untiefen auseinandersetzen. Letztlich gebe ich damit die Verantwortung ab.

Ja, zwischen Selbstjustiz und Zivilcourage verlaufen klare Grenzen. Ich plädiere für Zivilcourage. In anderen Sprachen wird sie auch mit „sozialem Mut“ oder „moralischem Mut“ übersetzt. Genau davon brauchen wir jetzt ein großes Maß.

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