und wieder Toponomastik…

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Nach vielen Versuchen will man es nun mit einer paritätischen Kommission versuchen, die eine Liste der gebräuchlichen Südtiroler Ortsnamen zusammenstellen soll.

Ich finde die Idee an sich plausibel, könnte ihr aus rein pragmatischen Gründen auch zustimmen, sofern einige Garantien zur ausgeglichenen Handhabe gegeben werden.

Trotzdem verbleiben einige Grundzweifel an der Operation. Ich möchte sie kurz zusammenfassen.

Was ist das Ziel?

Während das eigentliche vordringliche Ziel jeden Vorstoßes in Sachen Toponomastik jenes sein müsste, die deutschen Ortsnamen zu veramtlichen (was ja eine ungeheuerliche historische Nachlässigkeit endlich beheben würde), hat sich das Ziel schon seit Langem insgeheim verschoben. Ziel ist nun, so viele Tolomei-Namen wie möglich auszulöschen. Damit soll den patriotischen Kräften, die seit Jahren zunehmend Druck machen, entgegengewirkt werden.

Ist das aber auch nützlich und sinnvoll?

Die Argumentation der deutschsprachigen Rechtsparteien fußt auf der historischen Ungerechtigkeit der Tolomei-Namen. Damit haben sie recht. Die Erfindung der italienischen Ortsnamen war Teil des klassischen imperialistisch-autoritären Repertoires, das immer und überall umgesetzt wird, wenn Völker unterworfen werden (sollen). Beherrschung zeigt sich auch und allererst in der Sprache. Das haben die Tolomei-Namen mit der männlich dominierten Sprache ebenso gemeinsam wie die Vorherrschaft des Englischen im Wirtschafts- und IT-Sektor. In diesem Sinne sind die Südtirolerinnen und Südtiroler Teil der Weltgeschichte, die sie selber im Übrigen wahrscheinlich an anderer Stelle identisch weitergeschrieben hätten: Wäre es etwas geworden aus dem „geschlossenen Siedlungsraum“ in Burgund, in Galizien, auf der Krim, wohin die Südtiroler Optanten hätten umgesiedelt werden sollen, dann hätten wohl auch die SüdtirolerInnen gar nicht lange damit zugewartet, die dortigen Ortsnamen einzudeutschen oder ihre eigenen Namen den anderen aufzupropfen.

Die Linguistik kennt diese Beispiele zur Genüge.

Wenngleich die Südtiroler Patrioten seit Langem und auch mit einigem Erfolg versuchen, die deutschen Ortsnamen allesamt als „historisch gewachsen“ von den italienischen „Kunstnamen“ zu differenzieren, so ist es doch Fakt, dass die Sprachgeschichte voll ist von Beispielen der zwanghaften Namensgebung, von Einzelpersonen über Bezeichnungen von Gegenständen bis hin zur Orts- oder Straßennamensgebung. Auch in Südtirol kennen wir Beispiele hierzu. Germanische und katholische Namen haben sich auf bestehende rätische Namen aufgelagert. Damit sind wir nicht allein. Die Welt ist voller Namen, die von Geschichtsgewinnern, Eroberern und Unterwerfern hinterlassen wurden. In Süditalien verbleiben langobardische Ortsnamen ebenso wie die spanischen in Südamerika oder die französischen in Kanada, gar nicht zu reden vom afrikanischen Kontinent, der seit Jahrhunderten neben der wirtschaftlichen und politischen auch der sprachlichen Dominanz ausgesetzt ist, was erst in den letzten Jahren durch die postkolonialen Studien langsam in seiner gesamten kulturellen Dimension aufgerollt wird. Die Praxis des Sprachimperialismus ist ebenso banal wie verwerflich, daran wollen wir gar keinen Zweifel lassen.

Was also tun?

Fassen wir zusammen. Historisches Unrecht wurde begangen. Heute gibt es in Südtirol eine große Vielfalt an deutschen Ortsnamen, die nicht amtlich sind. Daneben gibt es eine kleine Menge an italienischen Ortsnamen, die von Tolomei übersetzt wurden und die zum Teil von den im Lande lebenden ItalienerInnen benutzt werden. Ein Teil dieser Namen wird auch für die Kartographie verwendet, die Namen scheinen in Satellitenleitsystemen und in Reiseführern auf, sie stehen auf Wanderkarten und folgerichtigerweise auf Wanderschildern. Wenn wir davon ausgehen, dass das historische Unrecht gegenüber der deutschen Sprachgruppe wieder gut gemacht werden soll, dann müssen alle Tolomei-Namen verschwinden. Ein großer Eingriff, wie ich finde. Aus praktischen Gründen sehr problematisch (was hieße das für die Kartographie? Wie würde das umgesetzt? Bestünden überhaupt politische Spielräume hierfür?), vor allem aber aus Gründen des Zusammenlebens (wie wäre das für die ItalienerInnen in Südtirol? Hat das auch Auswirkungen auf ihr Heimat- und Zugehörigkeitsgefühl? Entstehen neue Benachteiligungen? Müssen die jetzt lebenden ItalienerInnen in Südtirol ein schlechtes Gewissen haben für ihre Vorfahren?).

Auch bei einer sehr oberflächlichen Betrachtung dieser Fragestellung werden wir sehen, dass eine „sprachliche“ Wiedergutmachung sehr schwierig ist.

Bei allen Versuchen der letzten Jahre trachtete man also (verständlicherweise) danach, dieses Grundthema zu umgehen. So versuchte man, die Aufmerksamkeit auf Nebenaspekte zu lenken, etwa auf die Unterscheidung zwischen Makro- und Mikrotoponomastik oder das Kriterium der Gebräuchlichkeit. Das alles waren Vorwände, um ein paar der Tolomei-Namen streichen zu können und so dem patriotischen Hunger nach Gerechtigkeit ein wenig nachzugeben. So nachvollziehbar diese Versuche auch sind, so sollte man bedenken, dass dieser Hunger mit einer kleineren oder größeren Beschneidung des Tolomei-Corpus niemals gestillt werden wird. Viele Namen werden bleiben und stets als mahnende Zeichen des “Versagens” der Volkspartei willkommenes Beweismaterial für die Vorwürfe der Rechtsparteien liefern.

Wagen wir einen unbefangenen Blick auf das Thema.

Wenn man versucht, die gesamte Thematik Außenstehenden zu erklären, so kommt man irgendwann immer zum Punkt, wo es um „die Liste“ geht. Eine Kommission wird also in Südtirol daran arbeiten, eine Liste der Ortsnamen zu erstellen, die gebräuchlich sind. Was aus wissenschaftlicher Sicht noch Sinn machen könnte (die Erhebung aller Ortsnamen), ist durch die politische Zielsetzung ver-rückt und so wird die „Liste“, wie oft in der Geschichte, zum Machtinstrument. Aufnahme in die Liste heißt Annahme. Wer die Liste erstellt, hat Macht über die aufzunehmende Materie. Nicht umsonst wird derzeit heftig gestritten über die Besetzung, die Mehrheiten und Minderheiten und die Abstimmungsmodalitäten in der Kommission. Am Ende wird es eine Liste geben, der amtlichen deutschen Namen (viele) und der amtlichen italienischen Namen (wenige). Die ItalienerInnen werden dies als Demütigung erleben, die Deutschen werden großteils unzufrieden sein. Von der Lösung des Problems werden wir weiter entfernt sein als heute. Das kann nicht Sinn der Sache sein.

Gibt es unkonventionelle Herangehensweisen?

Man könnte sie suchen. Zum Beispiel könnte man nicht von einer Liste ausgehen, sondern von einer Karte – etwa festlegen, dass auf einer bestimmten Skala (z.B. 1:25.000) Zweinamigkeit herrschen muss, in der größeren Skala ist dies nicht mehr notwendig. Ein älterer grüner Vorschlag sah vor, zwischen öffentlicher (zweisprachiger) und privater (auch einsprachiger) Toponomastik zu unterscheiden. Aber auch damit wird der Grundkonflikt nicht gelöst. Wir müssen uns also genau diesem Grundkonflikt zuwenden (denn man weiß, Störungen haben Vorrang) und ein kulturelles Befriedungskonzept erarbeiten – im Wissen, dass jede Sprachgruppe Verständnis- und Kompromissbereitschaft aufbringen wird müssen. Man könnte daran ansetzen, dass man ein gemeinsames Problem hat. Die ItalienerInnen im Lande müssen die Geschichte der Namen kennen und wissen, welchem Geist sie entsprungen sind. Im Gegenzug müssen die Deutschen auch eine Art geschichtliche Vergebung zulassen. Auf der Grundlage des Wissens um das Wissen der anderen kann das möglich werden.

Ein praktischer Vorschlag zum Schluss:

Anstatt mit Ausweichmanövern dieses destruktive und mühsame Ringen weiterzuschreiben, stellen wir ab nun drei Aktionsrichtungen in den Mittelpunkt:

  1. Die Amtlichmachung der deutschen Ortsnamen wird offensiv angegangen und mit Landesgesetz geregelt.
  2. Den Tolomei-Namen wird zum 100-jährigen Bestehen die Verjährung zugestanden, sie werden jedoch zum bewussten und sichtbaren Teil unserer Geschichte gemacht, im Sinne einer neuen Ära von „Wahrheit und Versöhnung“.
  3. Die Historisierung der Tolomeinamen wird wissenschaftlich und pädagogisch konzeptualisiert, eine fundierte Sensibilisierungsarbeit über die Herkunftsgeschichte der Südtiroler Ortsnamen innerhalb beider Sprachgruppen wird eingeleitet.

Was nach wenig klingt, ist in Wirklichkeit ein weitreichender Reformvorschlag einer Materie, die für unser Zusammenleben eine dauernde Überforderung darstellt. Solange wir uns das nicht eingestehen und weiter mit Machtüberlegungen und Schuldzuweisungen agieren, solange wird es nicht nur keine Lösung geben, sondern Nährboden für weitere politische Instrumentalisierungen bieten. Fruchtbares Terrain leider für jene, die nur dann zu Gewinnern werden, wenn die jeweils anderen verlieren.

Gerade unser Land, das aus solchen bösen Spielen nur Leid erfahren hat, könnte hingegen beweisen, dass ein Lernen aus der Geschichte doch möglich ist und dass genau darauf bauend eine neue Geschichte, jene des guten Zusammenlebens, tatsächlich irgendwann erfindbar ist.

 

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L’ultimo anello

cateneQualche giorno volevo prendere il treno per Ora. Si saliva solo da un vagone, dove un controllore si accertava preventivamente che tutti/e avessero il biglietto. Mentre lo guardavo stupita mi spiegava: “Ecco, vede, stiamo facendo dei controlli a terra. Questo è uno dei treni, su cui salgono molti di quelli là. Che non pagano.” e indicava degli immigrati di pelle scura. “Vede, scappano!”

Il controllore ovviamente ha un mestiere difficile, si trova spesso a questionare con chi non ha il biglietto e chi non vuole scendere. Non lo invidio e lo rispetto.

Ma andando oltre la contingenza, ho trovato in questo provvedimento di Trenitalia la conferma di un fenomeno che studio da un po’ di tempo e che chiamo “l’intervento sull’ultimo anello”.

Mi spiego. Siamo confrontati con problemi molto complessi. La crisi, la fame nel mondo, la radicalizzazione, la migrazione, i profughi, la violenza, il confronto di più culture, l’impoverimento di segmenti sempre più larghi della società.

Tutti questi problemi hanno origini lontane e catene lunghe, spesso non lineari, di anelli di cause ed effetti. E spesso ne siamo co-responsabili.

L’Europa ha responsabilità pesanti nella questione della fuga dall’Africa o dall’Asia. Il nostro modo di consumare e le nostre politiche economiche intervengono fortemente sull’equilibrio mondiale. O, se vogliamo zoomare sui problemi “di casa nostra”, l’impoverimento, la disuguaglianza la disponibilità alla violenza, sono l’effetto di una società che non ha voluto cogliere per tempo i segnali di disagio e mancanza di prospettive per chi partiva svantaggiato. I campi di intervento sarebbero molteplici e così come abbiamo sbagliato, potremmo anche iniziare a rimediare. Per prima cosa riconoscendo errori e responsabilità, e poi magari usando i cervelli migliori e la disponibilità di molti che vogliono aiutare a cambiare le cose, sviluppando concetti di cambiamento. Avremmo tutti i mezzi e le competenze necessarie, eppure non lo facciamo.

Preferiamo specializzarci nell’intervento sull’ultimo anello. Esempi?

Ci sono dei senzatetto che la sera si sistemano e socializzano tra loro in Piazza Magnago. Potremmo indagare. Scoprire che la Caritas verso le 17 apre un punto di ristoro proprio accanto al Consiglio provinciale per i profughi (si vedono sempre più famiglie con bambine/i). Che molti di questi ragazzi attendono la sentenza di una commissione che deciderà del loro futuro di rifugiati e che possono stare nelle dimore temporanee solo di notte. Potremmo, dovremmo certo anche provare a rimediare alle disuguaglianze che li hanno portati a essere senza casa. Sarebbe complesso, sì. Troppo forse. E allora abbiamo deciso che fosse meglio installare delle videocamere: un palliativo che ci garantisce l’illusione di una sicurezza che non avremo mai, perché il problema del piccolo spaccio che si intrufola in questo mondo si sposta semplicemente dietro l’angolo. Però possiamo dire di aver fatto qualcosa (e forse è questo il vero, unico, misero obiettivo dei governanti…).

Lo stesso meccanismo sta in fondo a molte questioni: vietiamo l’accattonaggio (così non vediamo più che ci sono persone povere e che vengono anche sfruttate). Spostiamo la prostituzione in quartieri meno in vista, o le vorremmo nascondere in case chiuse (e rimuoviamo tutta la questione delle donne fatte schiave, delle donne che bisogna possedere, al limite anche coi soldi). Diciamo frasi comode del tipo “aiutiamoli a casa loro” o “impediamo che partano” o “rispediamoli a casa” per illuderci di risolvere la questione dei profughi.

Stiamo agendo su troppe questioni come chi tenta di risolvere un allagamento concentrandosi sugli stracci per asciugare l’acqua. La nostra maturità intellettuale di società evoluta ci imporrebbe invece valutazioni molto più serie e complesse, che vadano all’origine delle questioni.

Difficile, in un dibattito politico sempre più superficiale, ipervelocizzato e fatto di slogan. Quasi impossibile, se bisogna dire tutto in 30 secondi di intervista o condensare il commento in un Mi piace o una faccina. Vedo e vivo una politica e una scena di opinione pubblica, in cui l’analisi spesso sparisce dietro alle necessità di lanciare continuamente dei messaggi confezionati in bocconi digeribili.

E allora voglio concludere con un appello, dal mio piccolo osservatorio di politica di provincia. Cerchiamo di capire un fenomeno invece di spostarlo dietro l’angolo. Perché prima o poi tornerà con prepotenza e ci toccherà affrontarlo comunque. Troviamo delle vie di mezzo tra fantasie populiste di onnipotenza e rassegnazione.

Riaccendiamo un dibattito politico serio e approfondito. Avvaliamoci della buona prassi del confronto tra diversi, dello studio delle cause, dell’ascolto di pensieri articolati, della riflessione comune. Risaliamo la catena insomma, cerchiamo di spezzare anelli più grandi e decisivi e smettiamo di accanirci sempre e comunque contro l’ultimo anello. Che, anche se è il più visibile, comunicabile e politicamente spendibile, alla fine è anche il più piccolo e il più fragile.

Die Elite und der Populismus

populismusGastkommentar in FF, 22. September 2016

In Südtirol diskutiert man in den letzten Monaten nicht nur über Flughäfen und Geburtenabteilungen, über Verfassungsreferenden und Politikkosten, sondern auch auffallend viel über Populismus.

Erster Akt: Die Flughafendebatte

Vor allem der Kreis um den Landeshauptmann hat dieses Interpretationsmuster im Vorfeld der Flughafenabstimmung entwickelt und „den Populismus“ als Feind geortet. Damals hatte „die Wirtschaft“ das Konzept zur Entwicklung des Flughafens vorgelegt. Dass es sich um eine nur schwammig formulierte Vorlage handelte, zu der es einen ebenso klar formulierten Gegenentwurf gebraucht hätte, hat sich in den Nachgefechten der Abstimmung nur allzu deutlich bestätigt.

Wer mit dem gleichsam als alternativlos präsentierten Konzept nicht einverstanden war, wurde von der Wirtschafts- und Entscheidungselite sofort als „unsachlich“ abgetan. Die Gegner, so der Vorwurf, argumentierten „aus dem Bauch heraus“, „träumten“ oder setzten auf „den Populismus“. Weder Beachtung noch Anerkennung fand hingegen die erstaunliche Tatsache, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung mit dem Flugverkehr intensiv auseinandersetzte, sich informierte, Vergleiche anstellte und ein erhebliches Maß an Sachkenntnis entwickelte. Im Gegenteil: ABD-Präsident Michaeler ließ in spöttischer Herablassung vernehmen, dass es in Südtirol 500.000 Flughafenexperten gebe.

Diesen Eindruck konnte ich ich in den letzten Tagen vor der Abstimmung tatsächlich auch gewinnen, so rege und erstaunlich fachkundig verliefen die Debatten: Keine Zugfahrt, kein Gasthausgespräch, kein Wartezimmer, in dem nicht über Flugmaschinen und Leistungszahlen der Regionalflughäfen gefachsimpelt wurde.

Bei der Abstimmung obsiegte dann die Nicht-Elite. Man hätte das Ergebnis respektieren und es durchaus als Sieg des Hausverstandes, der Vernunft, der kollektiven Intelligenz lesen können. Die VerliererInnen aber bevorzugten eine andere Lesart: Sie interpretierten den Wahlausgang dahin gehend, dass es ihnen nicht gelungen sei, „die Bevölkerung von der Güte des Entwicklungskonzepts zu überzeugen“ (sinngemäß die Worte des Landeshauptmanns). Dass das Volk eine klare Meinung, ja sogar eine eigenständige Überzeugung gewonnen hatte und sich diese auch mühsam gebildet hatte, das schien nicht denk- oder annehmbar.

Zweiter Akt: Populistisches Wipptal

Exakt einen Monat später, als sich die Landesregierung von dieser Niederlage noch längst nicht erholt hatte, erfolgte mit der Frage der Geburtenabteilung in Sterzing eine weitere, fatale Weichenstellung. Die Debatte um die Schließung der Geburtenabteilung in Sterzing tobte mit ähnlicher Intensität wie die Airport-Auseinandersetzung, zudem auch noch vergleichbarer finanzieller Größenordnung von ca. 2,5 Millionen pro Jahr. Der zwar erhebliche, aber überschaubare Beitrag machte das Thema noch ähnlich griffig und weit eher handhabbar, als etwa die Milliardenfinanzierung des BBT.

Aber anders als beim Flughafenthema stand vordergründig nicht der ökonomische Aspekt im Vordergrund. Die Diskussion verlief breiter, vertiefter, oft auch grundsätzlich: Man diskutierte über Sicherheitsstandards bei der Geburt, über die Bedeutung des Krankenhauses für die Identität des Wipptals, über Unterschiede zwischen dem überlasteten Bozner Spital und dem im Vergleich dazu fast schon luxuriös anmutenden Sterzinger Krankenhaus. Zudem richtete sich der Fokus auf eine schon lang ausstehende (aber nur selten nur in der Problemstellung verstandene) Sanitätsreform. Man informierte sich über Kaiserschnittraten, Risikoschwangerschaften, Leistungszahlen und Kosten pro Geburt. Auch hier hätten Landesregierung und „Experten“ das Engagement der Bevölkerung wertschätzen können, um sich über die Abwesenheit der viel beklagten Apathie und Politikverdrossenheit zu freuen.

Indessen verzog sich die politische Elite mit einem generalisierten Populismusvorwurf erneut in die Schmollecke. Wie beim Flughafen schwenkte die Elite der Technokraten auch bei der Sanitätsreform in einem abgehobenem Zweckrationalismus auf ein Konzept ein, das man dann der Bevölkerung zu vermitteln suchte. Und wieder galten jene, die das Konzept nicht teilten, als „Populisten“, mehr noch: als „Schreier“, die „das Volk verhetzen“. Der Vorwurf war zum Teil durchaus gerechtfertigt und das aggressive Stocker-Bashing oder die von einem SVP-Bürgermeister ausgesprochene Verdammung „Stocker lügt und Stocker wurschtelt“ waren tatsächlich böse Entgleisungen, weitab von jeder sachlichen Diskursebene.

Drittens: Politik-Gehälter und Verfassungsreferendum

Aber es ist nicht zulässig, mehr noch, ein logischer Denkfehler, dass grundsätzlich nur eine Seite „sachlich“ sein kann, nämlich die Elite selbst. Und als besonders gravierende demokratische Fehlleistung muss ich bewerten, dass den GegnerInnen nicht einmal die Fähigkeit oder Bereitschaft zur fundierten Auseinandersetzung zugestanden wird.

Ein wenig des kollateralen Eliten-Bannfluchs traf im August auch uns Grüne, als wir uns in die Sommerdebatte zu den Politikkosten einbrachten. Unser Antrag sah vor, Parteienfinanzierung und Politikergehälter in einem partizipativen Prozess mit der Bevölkerung zu erörtern. Die wenigsten nahmen sich die Mühe, den Vorschlag zu lesen. Anstelle jeder kritischen Auseinandersetzung fiel das das Urteil: Populistisch! In der Folge habe ich bei mehreren Exponenten nachgefragt, ob sie die populistischen Lecks unseres Beschlussantrags aufzeigen könnten. Nicht einer der Befragten war dazu imstande, bezeichnend für die völlig unsachlichen, ja auch unprofessionelle Reaktion gerade seitens jener, die mit dem Populismusvorwurf ansonsten besonders schnell zur Hand sind.

Die nächsten, denen das Populisten-Etikett angeheftet werden wird, sind vermutlich jene, die sich gegen die Verfassungsreform stellen. Der Vorwurf mangelnden Sachverstands liegt schon in der Luft, genauso aber auch eine absehbare, weitere Niederlage der SVP-Führung bei der Volksabstimmung im Herbst.

Dringend gesucht: Ein neues Verhältnis von Bürgerschaft und Gewählten

Die drei genannten Beispiele sollten Fragen aufwerfen, ein wenig zu kritischer Selbstprüfung ermuntern und vor allem dazu führen, das Verhältnis zwischen Volksvertretung und dem zu vertretenden Volk zu überprüfen. Denn dass eine neue Distanz zwischen der Politik, insbesondere den Regierenden und den BürgerInnen entstanden ist, lässt sich nicht leugnen. Und es ist offensichtlich, dass sich eine wachsende Zahl der letztgenannten nicht mehr sagen lassen will, was sie zu denken und wie sie abzustimmen haben. Eine Regierung, die doziert, anmahnt, sich in permanenter Besserwisserei übt, beweist eine hierarchiebetonte Haltung, die nicht mehr ankommt. Und wenn sich Regierung und Eliten immer wieder unverstanden fühlen, so ist das nicht die Folge schlechter Kommunikation, der man mit einer neuen Presseagentur beikommen kann, sondern Ausdruck von Volksferne und Unverständnis gegenüber den eigenen AuftraggeberInnen.

Die aktuelle Landesregierung spürt ihre sinkende Beliebtheit. Sie spielt die eigene Unpopularität herunter, indem sie kritische Gegenstimmen und -entwürfe als populistische Blasen abwertet. Eine gefährliche Fehleinschätzung: Besser wäre es, aufmerksam hinzuhören und das Mandat der Volksvertretung ernst zu nehmen. Als PolitikerInnen verfügen wir nur über ein Mandat auf Zeit. Der Auftrag dieser Delegierung ist es nicht, in Oberlehrer-Manier zu zeigen, wo’s lang geht, sondern das befristet erhaltene Vertrauen für gute, vom Volk geteilte Entscheidungen zu nutzen, möglichst in gemeinsamem Agieren zwischen Bürgerschaft und Mandatarinnen und Mandataren.

Darin liegt die große Würde unseres Mandats, die Schönheit der Politik.

Sexarbeit: 3 andere Blickwinkel

sexarbeit-ausschnittSchauen wir einmal anders als üblich auf das Thema Prostitution. Wir schlagen 3 Blickwinkel vor, um vielleicht daraus auch andere Handlungsrichtungen abzuleiten:

  1. Prostitution ist ein Männerphänomen. Normalerweise stehen die Frauen, die Sex gegen Bezahlung anbieten, im Mittepunkt des öffentlichen und politischen Interesses. Dabei sind die Frauen im gesamten Phänomen Prostitution nur ein kleiner Teil. In Italien stehen die ca. 27.000 weiblichen Prostituierten ca. 2,5 Millionen Kunden gegenüber. Männliche Prostituierte und weibliche Kundinnen sind Randfiguren in diesem Szenario. Es wäre also sinnvoll, den Blick auf die Käufer zu richten. Wir sind gegen Ahndung der Kunden von Prostitution. Die Kundschaft sollte erhoben, analysiert, sichtbar gemacht und vor allem aber darüber informiert werden, wen und was sie beim Sexkauf bezahlen.
  2. Prostitution als freiwillig gewählter Beruf (wir nennen dies Sexarbeit) ist nur ein winziger Teil des gesamten Phänomens. Für die Sexarbeiterinnen, die ihre Dienstleistung selbstbestimmt anbieten möchten, können wir auch eine Art von Bordell akzeptieren, sofern von den Frauen gewünscht. Internationale Erfahrungen aber zeigen, dass der Straßenstrich dadurch kaum gemindert wird – dabei wird ja gerade dieser allgemein als Problem wahrgenommen. Der übergroße Teil der Prostituierten sind eben nicht freie Sexarbeiterinnen, sondern Sklavinnen, ausgebeutete Frauen, die über Menschenhandel nach Europa gekommen sind und die keineswegs frei über Beruf, Standort, Einkommen entscheiden.
  3. Meistens wird die Sicherheit und Gesundheit der Frauen ins Feld geführt, um die Einführung von Bordellen zu unterstreichen. Wir fordern daher konsequenterweise, dass die Frauen – und zwar Sexarbeiterinnen UND Sexsklavinnen in die Diskussion einbezogen werden. Die Bürgermeister, die Vorschläge für eine „sichere Prostitution“ machen, haben die moralische Verpflichtung, von den Bedürfnissen der Frauen auszugehen. Sie sind schließlich die Schwächsten und Schützenswertesten im Gesamtphänomen Prostitution. Vielleicht stünden dann andere Maßnahmen als Halteverbot u.ä. im Blickpunkt, zum Beispiel ginge es eher um sichere Standplätze, Beleuchtung, Toiletten, Beheizung und hygienische Versorgung.

Aus diesen hier nur angerissenen Perspektiven heraus wird schon deutlich, wie schräg auch die aktuelle Debatte geführt wird und wie weiterhin die zentralen Punkte des Problems Prostitution umgangen werden. Verschieben in andere Stadtteile, Wegsperren hinter die Türen eines Bordells – das klingt im ersten Augenblick plausibel. In Wirklichkeit wird damit nichts gelöst, am allerwenigsten ändert sich etwas an der Misere der Frauen.

Dabei wäre das die Stelle, an der eine ehrliche, verantwortungsvolle und moderne Stadtpolitik ansetzen sollte.

Brigitte Foppa und Evelyn Gruber-Fischnaller, für die Grünen Frauen

Cantare contro la vergogna

vergogna

Molti problemi pone l’Alzheimer. Uno di questi è la vergogna. Si vergogna la persona malata, delle sue dimenticanze, delle sue insufficienze, della sua perdita del controllo. Si vergognano i parenti, si vergogna forse tutta la società, di una malattia che mette sottosopra tutte le sue certezze e gerarchie.

Vorrei parlare della vergogna, perché possa diminuire. Perché è necessario che diminuisca.

Per questo vorrei condividere il momento in cui io ho vinto la vergogna.

Prima di ammalarsi, per oltre 50 anni mia mamma aveva cantato nel coro della parrocchia. Era uno splendido soprano, molto amata da tutti per la sua indole gentile e generosa. Forse anche per questo, quando iniziò ad avere dei disturbi, il coro decise di aiutarla perché potesse continuare a farne parte il più a lungo possibile. Adorava cantare, cantava sempre. Per molti anni ancora, già malata, era lei a intonare le canzoni alla messa delle sette del mattino.

Ma arrivò il giorno in cui gestire la sua presenza era praticamente impossibile. Era troppo lenta e confusa con gli spartiti, non era più affidabile. Fu terribile per mia mamma prenderne atto. In più dimenticava sempre che non poteva più andare alle prove, glielo si doveva ricordare tutte le settimane, e ogni volta la sofferenza ripartiva da zero.

In quella fase, un sabato pomeriggio il coro cantava in chiesa. Avevano preparato un concerto con tutte “Marienlieder”, canzoni dedicate alla Madonna, particolarmente amate da mia mamma. Anche lei portava il nome di Maria e aveva una devozione particolare per la Madonna. La chiamava Himmelmamma, la mamma del cielo. Quel pomeriggio la assistevo io: era nervosissima, perché “doveva andare a cantare al concerto”. Provai a distrarla, a dissuaderla, ma niente da fare. Si era vestita bene e con una testardaggine che prima non aveva mai saputo esternare, si impuntò. Non potei fare altro che rassegnarmi e accompagnarla in chiesa.

Eravamo le prime. La chiesa era ancora vuota. Intorno all’altare il coro faceva i suoi ultimi esercizi vocali. Convinsi a fatica mia mamma a sederci in fondo alla chiesa. Per lei era devastante, ma si arrese. Pian piano la chiesa si riempì. La faccia di mia mamma era talmente addolorata che io mi misi a piangere. Piansi per quello che sentiva lei, per quello che stava, che stavamo perdendo.

Poi iniziò i concerto. Il coro cantava benissimo. E improvvisamente si alzò una voce, accanto a me: mia mamma si era alzata in piedi e si era messa a cantare.

Le ha cantate tutte, le canzoni alla Madonna, quel pomeriggio. All’inizio volevo sparire per la vergogna. Avrei voluto zittirla. Poi però sentii la sua voce morbida e calda risuonare nelle volte della chiesa e completare perfettamente il canto del coro. Non sbagliò una sola nota, la mia mamma. E così la vergogna svanì: ero così orgogliosa della mia mamma così brava e piena di coraggio. Capii che non aveva senso vergognarsi e che potevo invece imparare da lei.

Che seguire la voce interiore è meglio. Che puoi dare il tuo contributo comunque e in ogni caso. E che quando proprio senti che stai per cedere alla disperazione, allora è meglio cantare.

 

Burkini oder die Macht der richtigen Quadratzentimeter

young woman in burkini swimming in the sea

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In die Debatte zum Burkini möchte ich ein paar sehr nüchterne Überlegungen einbringen. Die Debatte ist deshalb so komplex, weil sich hier mehrere Argumentations- und Machtlinien überschneiden, darunter jene des Christentums gegenüber dem Islam und jene, die zwischen Männern und Frauen verläuft.

Wir alle sind sicher einig, dass nicht richtig sein kann, wenn:

  1. Männer entscheiden, was für Frauen richtig ist (und umgekehrt)
  2. Christen entscheiden, was für Muslimen richtig ist (und umgekehrt).

Schwieriger wird es, wenn sich eben diese Linien überschneiden. Aber wenn wir auch dies entwirren, werden wir alle einig sein, dass es niemals richtig sein kann, wenn:

  1. christliche Männer entscheiden, was für muslimische Frauen richtig ist (und umgekehrt?;
  2. muslimische Männer entscheiden, was für muslimische Frauen richtig ist (und umgekehrt?);
  3. christliche Frauen entscheiden, was für muslimische Frauen richtig ist (und umgekehrt?).

Erste Schlussfolgerung: Das einzig rational Richtige ist, dass muslimische Frauen für sich entscheiden, was für sie richtig ist. Alles andere, wiewohl oft gut gemeint, widerspricht jeder Menschenrechtslogik.

Zweite Schussfolgerung: Unser aller Auftrag muss also sein, diese freie Entscheidung zu gewährleisten, zu unterstützen, zu fördern. In all den Debatten habe ich diesen Aspekt sehr selten gesehen. Meist überwiegt indes ein neopaternalistischer Ansatz, der zuerst entscheidet (auch als Staat, als Institution, als Gesellschaft), was für die muslimischen Frauen das Richtige ist, und dann die nötigen Maßnahmen trifft. Darauf fallen durchaus auch Frauen hinein, oft auch in einer solidarischen und schwesterlichen Absicht.

Dritte Schlussfolgerung bzw. Frage und einziges wirkliches Problem in dieser Sache: Wie frei entscheiden muslimische Frauen, was für sie das Richtige ist? Wir können diese Frage nur beantworten, indem wir muslimische Frauen dazu befragen, möglichst vielfältig, möglichst auch gegensätzlich, in möglichst neugieriger und lösungsorientierter Haltung.

Wir werden ein Universum entdecken, mit vielen Fassetten. Frauen werden uns von Muslimas erzählen, die sich aus freien Stücken für eine Verhüllung entscheiden, weil sie damit ein Stück weit ihre kulturelle Herkunft bejahen.
Oder von anderen Frauen, die sich von ihrer Herkunft gelöst haben und sich für eine westliche Kleiderregelung entschieden haben.
Und sie werden von unterdrückten Muslimas berichten, die von ihren Männern in eine Kleiderordnung gezwungen werden, die sie selbst nicht wollen und die sie in der westlichen Gesellschaft identifiziert und segregiert. Diese Frauen brauchen Unterstützung in ihren Emanzipationsnotwendigkeiten, die sich aus den westlichen Gegebenheiten ergeben. Zu diesen Unterstützungsmaßnahmen gibt es viele Beispiele, von der aufsuchenden Elternarbeit der Schule bis hin zu Fahrrad- und Computerkursen, von interkultureller Frauenarbeit bis hin zu einfühlsamer medizinischer Versorgung.
Zu diesen Maßnahmen gehören nicht öffentlich verordnete Kleiderregelungen. Wer immer sich anmaßt, muslimische Frauen zu “befreien”, etwa vom  “Burkini”, sollte sich vor Augen halten, dass ihnen wahrscheinlich ein Schwimmbadbesuch unmöglich gemacht wird, wenn sie sich nicht verhüllen. Das ist die praktische Realität und schon rein das spricht für eine freie Kleiderwahl – und sei es auch nur dazu, diesen Frauen den Gang aus dem Haus zu erleichtern.

Dass auch die westliche Kleiderordnung ihre, vielleicht subtileren, Zwänge hat, darauf werde ich hier nicht eingehen. Ebenso wenig darauf, wie absurd es mir scheint, die (minimalen oder maximalen) Quadratzentimeter Stoff für Frauen festzulegen, wenn sie an den Strand gehen.

Es ist bemerkenswert, dass die Freiheit, Emanzipation  und Selbstbestimmung der Frauen nun so Vielen am Herzen liegt. Auf die gemeinsame Analyse dessen, was Frauen dazu brauchen, bin ich sehr gespannt – auch darauf, wie sehr das dann respektiert wird, was Frauen als Bedürfnisse und Bedingungen anmelden werden.
Insbesondere, wenn das dann mit den eigenen (männlichen, christlichen, dominanten) Rollenbildern und Machtverständnissen auch einmal nicht überein stimmt. Dann werden wir schnell erkennen, ob es den „Befreiern“ wirklich um die Frauen geht oder vielleicht am Ende doch mehr um die Bestätigung des eigenen Weltbildes und der eigenen Vormachtstellung.

Go, Hillary und die anderen, go!

2016 Schatten RadlIch werde mich nie dran gewöhnen, wie lang unser Weg ist.

Immer unterwegs auf einem Rad, das uns zwingt, doppelt so oft zu treten wie jeder Mann. Im Wissen, dass jedem Mann doppelt so viel nachgesehen wird und dass wir ganz banal doppelt so gut (oder auch nur halb so schlecht) sein müssen.

Gerade daher bin ich stolz auf jede Frau, die es schafft. Auch wenn ich ihre Meinung nicht teile, wenn ich mich streite mit ihr, sogar wenn ich sie nicht mag.

Einmal aus der Überzeugung heraus, dass es auch unter den Männern verschiedene Meinungen und Geschmäcker gibt.

Zweitens, weil jede Frau an der Macht Gewöhnung schafft, und das ist in der Politik nicht zu unterschätzen.

Und drittens, und das hat letzthin in der ZEIT ein Mann geschrieben, weil es eine gute Gewissheit ist, zu denken, dass es zwei “Herrschafts”paradigmen gibt, was immer noch besser ist als eins.